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Der Fluch der Druidin

Der Fluch der Druidin

Titel: Der Fluch der Druidin
Autoren: Birgit Jaeckel
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Er überragte das Mädchen auf eine Weise, als wolle er es mit einem Schritt unter seinen Füßen zermalmen. »Wo ist dein Onkel, Kind? Er hat das hier angeordnet, nicht wahr?«
    »Die Kraftströme sind stark heute Nacht.« Das Mädchen senkte die Lider und deutete auf den verhüllten Kessel hinter sich. »Mein Onkel möchte in die Zukunft sehen und in die Gegenwart. In diesem Kessel wird er das Wasser aus einem Quell mit dem Blut der heute Gestorbenen im heiligen Dreiwirbel vereinen. Wenn sich das Mondlicht auf dem Wasser bricht, wird es ihm Bilder zeigen von dem, was ist und was sein wird.«
    »Dieser Kessel soll die Zukunft zeigen? Das denkst du dir aus!«
    »Der Wert dieses Kessels übersteigt Eure Vorstellungskraft, Boiorix.«
    »Tatsächlich? Demnach sollte ich wohl vermuten, dass ihr vorhabt, meine Schätze zu stehlen?«
    Das Mädchen ließ sich von der Drohung in den Worten nicht beeindrucken. »Ihr seid unwissend, Kimbernkönig. Unwissend und dumm, weil Ihr die Heiligkeit dieses Geschenks, das Euch irrtümlich gemacht wurde, nicht anerkennen wollt.«
    »Des Geschenks?«
    »Der Kessel.«
    »Er gehört mir!«
    »Das ist der Irrtum.«
    »Wieso will dein Onkel ihn jetzt haben?«
    »Er braucht ihn, um erkennen zu können, was unsere Angehörigen machen, unsere Krieger, die in den Bergen zurückgeblieben sind, um Euren Rücken zu decken. Boten haben uns erreicht, die von Kämpfen mit den Stämmen, in deren Gebiet wir um Euretwillen eingedrungen sind, berichten. Der Vater meines Onkels soll dabei schwer verletzt worden sein. Jetzt möchte mein Onkel wissen, ob er noch lebt.«
    Boiorix spürte, wie es in seinen Fingern zuckte. Er hasste dieses Gerede von Mächten, die er nicht verstand. Sosehr er die keltischen Völker auch respektierte, ja, manchmal sogar bewunderte, war über die Jahre hinweg sein Misstrauen ihren oft wankelmütigen Absichten gegenüber gewachsen. Dabei hatte er selbst die Tiguriner, seine langjährigen keltischen Verbündeten auf dem Zug, der ihn durch die halbe ihm bekannte Welt geführt hatte, um Hilfe gebeten, ihn bei der Überquerung des Gebirges nach Italien zu unterstützen und seinen Rücken zu decken. Sie hatten getan, was er verlangte, mehr noch, sie hatten ihm ihre mächtigsten Druiden an die Seite gestellt, um sich gegen die bösen Mächte der Berge besser schützen zu können. »Eure nordischen Götter sind fremd in diesem Land«, hatten sie gesagt. »Womöglich können sie Euch hier nicht beschützen. Unsere Druiden dagegen kennen das Land, die Berge, Stämme, Geister und Götter, die hier hausen. Ihr werdet sie brauchen, Herr.« Ihre Worte hatten vernünftig geklungen, und so hatte Boiorix die Druidenabordnung als Berater und Beschützer an seiner Seite begrüßt und sie für ihre Dienste reich entlohnt. Die Ratgeber seines eigenen Volkes hingegen hatten diese Entscheidung nicht gutgeheißen. Das Nordvolk hatte seine eigenen mächtigen Priesterinnen, Heiler und Seher, wozu brauchten sie also die Druiden irgendeines keltischen Stammes?
    Mittlerweile bedauerte Boiorix, dass er das Trinkhorn mit dem restlichen Wein fortgeschleudert hatte. Er hätte gut noch einen weiteren Schluck vertragen können.
    »Stellt das verdammte Ding ab und dann verschwindet!«
    Die Männer kamen seinem Befehl sofort nach. Beinahe wäre der wertvolle Kessel von der Trage gerutscht, als sie diese hastig absetzten und verschwanden. Der schweigende Schatten in Boiorix’ Rücken unterdrückte ein verächtliches Lachen.
    »Was ist, König der Kimbern?« Das Mädchen, das sich
Feuer-Schwan
nannte, stellte sich neben den Kessel und strich mit schmalen Fingern über den silbernen Rand. »Wollt Ihr dieses heilige Gefäß etwa eigenhändig für mich tragen? Welche Ehre!«
    Sein Spott trieb Boiorix die Hitze ins Gesicht. Er wusste, dass es den unverdünnten Wein in seinem Atem und in seinen Kleidern roch, dass es spürte, wie er durch seinen Kopf trieb und seine Wut anfachte. Und plötzlich wurde ihm klar, dass dieses Mädchen, dieses Kind, ihn verachtete.
    »Nimm dich in Acht, Mädchen!«, knurrte er. »Niemand spricht in diesem Ton mit mir!«
    »Das ist bedauerlich, denn es wäre besser für Euch, würdet Ihr lernen, Euch vor Dingen, die größer sind als Ihr, zu verneigen. Andernfalls wird Euch Euer Volk am Ende nur als Narr kennen, der sich für einen Gott hielt.«
    Ehe Boiorix sich besinnen konnte, trat er einen Schritt vor und schlug das Mädchen mit der flachen Hand ins Gesicht.
Feuer-Schwan
taumelte zur Seite,

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