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Der Engel Der Kurie

Titel: Der Engel Der Kurie
Autoren: Georg Brun
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Der tote Engel von Castel Sant' Angelo
    Zäh hing der Morgennebel über dem Tiber. Drei schwarze Kutten schlichen am Ufer entlang, ihre Schritte verursachten leise, schmatzende Geräusche im sandigen Mergel. Krächzend flog ein Rabe auf. Die Männer blieben stehen. Monsignore Trippa blickte mißmutig auf seine verdreckten Schuhe.
    »Nur eine Krähe«, flüsterte der Anführer und blickte Trippa wie um Entschuldigung bittend an. Der Monsignore nickte mürrisch, und die drei gingen weiter. Neben ihnen rauschte das Wasser, es gab tückische Strudel hier. Nach wenigen Minuten schälte sich vor ihnen die Engelsburg aus dem Nebel. Der Anführer bog nach rechts auf das steile Ufer des Tiber zu. Vom Tau feuchte Zweige streiften ihre Köpfe; die drei Männer zogen ihre Kapuzen tiefer und blickten angestrengt nach vorne. Es wurde heller und klarer. Dann waren sie am Ziel.
    Nackt lag ein Mädchen in einem halbhohen Ginster; ihr Körper wirkte durch den Aufprall seltsam verkrümmt. Etliche Zweige waren unter der Last geknickt, aber einige, die nur umgebogen waren, hatten sich bereits wieder aufgerichtet und sich wie ein Schutzschild über den geschundenen Körper der Toten gelegt. Blaue Flecken bedeckten die blasse Haut des Mädchens. Verdreht grub sich ein Arm in das Geäst und stützte den Körper so weit, daß seitlich der Ansatz einer festen Brust zu sehen war. Über den knabenhaften Po zogen sich drei blaurote Striemen wie von einem Rohrstock oder einer Peitsche.
    »Sie wurde von dort oben heruntergeworfen«, bemerkte Trippa und gab ihrem Führer ein Zeichen. Der Mann namens Umberto nickte, hob die Leiche aus dem Strauch und legte sie mit dem Rücken auf das Gras zu Füßen des Monsignore. Jakob, der dritte der Männer, wandte sich ab; er kämpfte gegen den Brechreiz an.
    »Seit wann seid ihr deutschen Dominikaner so zimperlich?« knurrte Trippa und kniete sich zu der Toten. Starr waren ihre blauen Augen; der Mund war halb geöffnet wie von einem ungläubigen Staunen. Glatt und rein war die Stirn, seidig das rotblonde Haar, das nach Knabenart kurz geschnitten war.
    »Was für ein schönes Gesicht«, murmelte der Monsignore und versuchte, nicht auf die Brust zu sehen, weder auf die rechte, die sich fest und rund emporreckte, noch auf die linke, die von vielen Messerstichen und Schnitten malträtiert war, als habe ein verrückter Metzger versucht, voller Wut das geile Fleisch zu entfernen. Genauso übel zugerichtet zeigte sich der Bauch des Mädchens, der unterhalb des Rippenbogens aufgeschlitzt war.
    »Wer tut so etwas?« flüsterte Trippa und erhob sich. Er trat neben Jakob und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Verzeih, Bruder. Es sieht schlimm aus. Wir müssen das Mädchen wegbringen.« Und zu ihrem Führer gewandt, sprach er, das Befehlen gewohnt: »Umberto, schlag sie in die Decke, und bring sie in mein Haus.«
    Während der Diener tat, wie ihm geheißen, schritten Jakob und der Monsignore die unmittelbare Umgebung der Leiche ab und entdeckten hinter dem Gebüsch, am Fuße der Ufermauer, ein weißes Leinenkleid und daneben ein grünseidenes Unterhemd, eine wollene Hose und eine schmucklose Ledersandale.
    »Das muß alles von dort oben heruntergeworfen worden sein«, erklärte Jakob verwundert.
    Wenig später saßen sie in Trippas Schreibstube vor dem offenen Kamin und rieben sich die Hände am Feuer. Umberto legte drei kräftige Birkenäste auf, rückte die Scheite zurecht und zog sich zurück.
    »Daß du mir kein Sterbenswörtchen von dem Vorfall verrätst«, ermahnte der Monsignore seinen Diener, dann war er mit Jakob allein.
    »Es ist die vierte Tote innerhalb von drei Wochen«, bemerkte Trippa, und seine Stimme klang besorgt. »In der Stadt gibt es schon Unruhe, weil sich manche Kurtisane nicht mehr sicher fühlt. Und immer sind die Leichen grausam verstümmelt.«
    Der Monsignore kniff die Lippen zusammen und blickte ins Feuer. Jakob musterte den Römer von der Seite; Trippas schmales Gesicht wurde von einer kantigen Höckernase beherrscht, die lange Schatten auf seine kalten blauen Augen warf; die hohe Stirn, fast jugendlich glatt, wurde durch eine steile Falte bis zum Haaransatz geteilt; sein Kinn war mehr kantig als spitz und betonte den Eindruck herrischer Strenge, den Trippa vermittelte. Ein typischer Römer und ein beispielhafter Vertreter des Heiligen Stuhls, dachte Jakob und erwog bei sich, ob man dem Monsignore vertrauen könne; immerhin war Trippa als Notarius cancellariae ein bedeutender Mann in der

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