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Das Gold der Lagune: Historischer Roman (German Edition)

Das Gold der Lagune: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Das Gold der Lagune: Historischer Roman (German Edition)
Autoren: Gerit Bertram
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    Norddeutschland, anno 1399
    V or gut drei Stunden war die rötlich leuchtende Sonnenscheibe aus der Ostsee in den wolkenlosen Maihimmel emporgestiegen. Sie hatte mit ihren Strahlen die von Wind und Salzwasser gegerbten Gesichter der Männer in den Fischerbooten gewärmt, die vor den Küsten Wismars, Stralsunds und Rostocks ihre Netze auswarfen. Auch über die Kaufmannshäuser der stolzen Hansestadt Lübeck hatte sie sich erhoben und näherte sich nunden kupfergrünen Spitzen der Zwillingstürme von St. Marien. Von den Dächern und Türmchen der roten Backsteinkirche – einer der größten im ganzen Heiligen Römischen Reich – drang das Gurren der Tauben an die Ohren der Menschen. Mit Körben unter dem Arm eilten siedurch die Gassen und Straßen dem ausgedehnten Platz zwischen Marienkirche und Rathaus zu.
    Schon kurz nach Sonnenaufgang hatten die Händler ihre Stände und Buden aufgebaut, in denen sie ihre Waren feilboten. Nun erfüllten der Geruch von frisch gebackenem Brot und eingelegtem Fisch, der Duft von Kräutern und Gewürzen die Luft, vermischt mit dem Meckern der Ziegen und dem Gegacker und Geschnatter des Federviehs. In den Gängen zwischen den Ständen trieben Gaukler ihre Späße und brachten nicht nur die umhertollenden Kinder mit ihren Kunststücken zum Staunen. Markttag. Eine willkommene Abwechslung im Leben der Menschen, etwas Kurzweil im täglichen Einerlei.
    Das alles nahm die junge, zierliche Frau auf ihrem Strohlager in einer der Bretterbuden, die sich rechts und links der engen Gänge in der Gropengrove aneinanderdrängten, nicht wahr. Genauso wenig wie den Gestank, der den hinter den Behausungen ausgehobenen Sickergruben entströmte, über denen die Bewohner des Armenviertels ihre Notdurft verrichteten. Hier lebten Bettler, Krüppel und Hübschlerinnen wie Alheyd, eine Frau mit einer üppigen Figur und dunklen Locken, die ihre Lebensmitte längst hinter sich hatte. Mit ihr teilte sich die junge Frau mit dem runden, von blonden Haaren eingerahmten Gesicht die Hütte.
    Sie hatte nicht immer hier gelebt, auch wenn es ihr zuweilen so vorkam, als ob es bereits ein halbes Leben lang her wäre, seit sie bei einem der angesehensten Geschäftsmänner der Stadt in Lohn und Brot gewesen war. Und doch lagen die furchtbaren Ereignisse, die dazu geführt hatten, dass ihr Leben nie wieder dasselbe sein würde, erst knapp ein Jahr zurück. Wenn die junge Frau an die Stunden dachte, die sie – den Schmähungen der Lübecker ausgeliefert – an den Schandpfahl gebunden gewesen war, zog sich ihr Magen zusammen.
    Wie ein Stück Vieh war sie an einem Strick zum Kaak geführt und dort festgebunden worden. Ein paar Rotzlöffel hatten sie sogleich mit faulem Obst und Straßendreck beworfen. Doch das war nichts gegen die zwanzig Rutenhiebe gewesen, die der Gerichtsdiener ihr auf Geheiß des Richteherrn verabreichte, nachdem ihr zuerst der Zopf abgeschnitten und dann das Kleid heruntergerissen worden waren. Da der Büttel ihr die Hände hoch über dem Kopf an dem Pfahl festgebunden hatte, war es ihr nicht möglich gewesen, ihren nackten Oberkörper vor den Blicken der gaffenden Menge zu schützen. Schon durchschnitt ein Pfeifen die Luft, und der unmittelbar folgende Schmerz hatte sie nach Luft schnappen lassen. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie immer noch spüren, wie die Schläge des grobschlächtigen Mannes die Haut ihres entblößten Rückens aufplatzen ließen.
    Auf der anderen Seite des kleinen Raumes bewegte sich Alheyd auf ihrem Lager und schlug die Augen auf.
    »Gut geschlafen?«
    Die junge Frau nickte.
    Die Hure erhob sich schwerfällig und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch das verfilzte Haar. »Geh uns was zu essen besorgen. Ich habe Hunger.«
    In Gedanken zählte das Mädchen den Inhalt seines Geldbeutels nach. »Was ich habe, reicht nicht einmal mehr für ein Brot.« Sie schluckte. »Tut mir leid.«
    Die Ältere hielt in der Bewegung inne. »Hör zu, Deern, das geht so nicht weiter.« Sie beugte sich zu ihr hinunter. »Ich hab dich bisher hier wohnen lassen, ohne etwas dafür zu verlangen. Das kann ich mir nicht länger leisten.«
    Die Jüngere erschrak. »Willst du mich etwa vor die Tür setzen?«
    »Hab ich das gesagt?« Die Hübschlerin schob eine Hand in den Ausschnitt ihres verschlissenen Kleides. »Nein. Aber du musst wenigstens ein paar Witten zur Miete und zum Essen beitragen.« Sie kratzte sich an der erschlafften Brust. »Ich kann dich nicht immer mit durchfüttern. So gut laufen

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