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BZRK Reloaded (German Edition)

BZRK Reloaded (German Edition)

Titel: BZRK Reloaded (German Edition)
Autoren: Michael Grant
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NACHSPIEL
    Vincent spürte, wie Gelächter in ihm hochstieg. Es war, als würde sich in einem geschlossenen Topf Dampfdruck aufbauen. Wie ein Vulkan, der endlich kurz vor dem Ausbruch stand.
    Er wurde auseinandergerissen.
    Seine Arme waren mit Handschellen an zwei geparkte Dieselloks gefesselt. Die Loks schnauften und zischten, und aus ihren Fahrwerken quoll Qualm. Die Loks waren so stark aufgeheizt, dass die seitlichen Metallblenden schmolzen.
    Vincent stand zwischen den Gleisen.
    Die Ketten waren lang. Die Loks würden richtig Fahrt aufnehmen können.
    »Hahahahaha!«
    Er lachte, weil es lustig werden würde, wenn ihm die Arme aus dem Leib gerissen würden, wenn das Gewebe riss und die Knochen aus den Gelenken treten würden, wie wenn man von einem gegrillten Hähnchen die Flügel abtrennte …
    »Komm schon, Junge, leg dich hin, leg dich hin, leg dich hin.«
    Tschu tschu. Tschu tschuuuuuu!
    »Das wird schon wieder, Vincent.«
    Wer war Vincent? Er hieß nicht Vincent. Er hieß … Wie hieß er doch gleich?
    Ein Drache, so ein chinesischer Drache schwebte über ihm, ein riesenhaftes Gesicht, und aus den Nüstern quoll Rauch, derselbe Rauch, der aus den Lokomotiven kam, die gerade anfuhren und Geschwindigkeit aufnahmen.
    »Oh. Oh-oh-oh! Oh! Ahhh! AAHHH!«
    Die Ketten klapperten, als die Loks an ihnen zogen.
    »Nimm diese Tablette. Schluck das, Vincent.«
    Vincent schlug um sich, denn er musste seine Handgelenke befreien, sonst würden ihm die Arme ausgerissen und hinter den Zügen hergeschleift werden.
    »Ahhh-ahhh-AAAHHHH!«
    »Verdammt, jetzt nimm endlich die Tablette!«
    Der Drache stemmte ihm die Kiefer auf. Er würde Vincent den Schädel spalten, bis ihm das Hirn zum Mund herauskam, er würde sein eigenes Gehirn erbrechen …
    Jetzt war der chinesische Drache ein Pfleger, nein, ein Drache, nein, nein, nein.
    »Neeein!«
    Sein Kopf wurde in einen Schraubstock gespannt. Er roch ein maskulines Parfum. Es war, als schlängen sich die Muskeln eines Python um seinen Schädel, und dann bekam er etwas in den Mund. Und obwohl er zu schreien versuchte und um Hilfe flehen wollte, hielt ihm der Drache – oder der Pfleger – den Mund zu.
    »Keats. Hilf mir. Bring mir Wasser.«
    Aus dem Himmel kam eine Flasche.
    »Fiji Water« Oh ja, das Wasser in der rechteckigen Flasche, natürlich würde er etwas Wasser trinken, ja, Drache, ich werde ein braver Junge sein und etwas davon trinken.
    »Halt ihm den Mund auf.«
    Aber die Lokomotiven!
    Vincent schluckte.
    Eine Stimme, die er überdeutlich zwar nicht mit den Ohren, sondern nur im Kopf hörte, sagte: »Sie werden dich töten, denn sie haben gar keine andere Wahl, sie werden dich töten, dich töten, der wahnsinnige König wird den wahnsinnigen Kaiser schicken. Dich. Töten.«
    Doch dann wurden ihm von den Lokomotiven die Arme aus den Schultergelenken gerissen – schnapp! Plopp! Und er lachte und lachte.
    Ihm wurde übel. Am liebsten hätte er sich übergeben.
    »Wie mein Bruder«, sagte eine Stimme.
    Der Drache, der in Wahrheit nur ein parfümierter Mann war, hatte Vincents Kopf im Arm. Der Mann weinte, deshalb war Vincent auch nach Weinen zumute.
    Der andere, so dachte Vincent, hätte der Teufel sein können, aber er war sich nicht sicher, vielleicht hatte er eine Haut wie der Teufel. Jedenfalls hatte er die blauen Augen des Teufels.
    »Ich habe keine Arme mehr, Jin«, flüsterte Vincent.
    »Grundgütiger«, sagte der mutmaßliche Teufel mit den blauen Augen.
    Jin – Nijinsky, der Drache, der Krankenpfleger – schwieg.
    Die Droge holte Vincent ein. Sie zog ihn in die Ohnmacht. Während er ohne Arme den tiefen, tiefen schwarzen Brunnen hinabtaumelte, erlebte Vincent einen Augenblick der Klarheit.
    So ist es also, dachte er, wenn man wahnsinnig ist.

    Sie stand in der Tür und hielt sich bereit, um Nijinsky und Keats dabei zu helfen, Vincent festzuhalten.
    Bereit zu helfen. Ihr Herz schlug, als wäre es aus Blei. Dieses Pochen, dieses unnatürliche Pochen schien ihr die Luft aus den Lungen zu pressen und ihr die Kehle zusammenzuschnüren.
    Sadie McLure – Plath – hatte sich ein kleines bisschen in Vincent verliebt. Er hatte so etwas an sich. Nun ja, nicht richtig verliebt, es war keine Anziehung im üblichen Wortsinn – dieses Gefühl war für Keats reserviert, der gerade rasch und schweigend damit beschäftigt war, Vincent zu fesseln. Keats sah so fertig aus, wie Plath sich fühlte.
    Also, es war weder Verliebtheit noch Anziehung, die sie bei Vincent spürte, sondern

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