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Young Sherlock Holmes 4

Young Sherlock Holmes 4

Titel: Young Sherlock Holmes 4
Autoren: Andrew Lane
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Prolog
    Mit ruhigen Fingern hielt der kleine Chinese die Nadel und tauchte deren Spitze in die Tintenflasche, die vor ihm auf dem Tisch stand. Neben der Flasche ruhte der Unterarm des Seemanns, der ihm gegenüber am Tisch saß. Ein gewaltiger Unterarm, riesig wie ein Schweineschinken auf einem Metzgerblock.
    »Du auch wirklich blauen Anker wollen?«, fragte der Chinese. Sein Name lautete Kai Lung. Sein Gesicht war vom Alter zerfurcht, und der Haarzopf, der auf seinem Rücken hinabhing, hatte die Farbe von grauer Asche.
    »Das hab’ ich doch gesagt, oder?«, antwortete der Seemann. »Ich will ’n Anker! Weil ich auf’m Schiff lebe. Und auf’m Schiff arbeite.«
    »Ich auch eine Fisch machen könnte«, versuchte Kai Lung mit leiser Stimme sein Glück. Anker waren leicht. Und langweilig. Es kam ihm vor, als würde er die Hälfte seines Lebens damit verbringen, blaue Anker auf muskulöse Seemannsunterarme zu tätowieren, mit der einzigen Abwechslung, dass darunter manchmal noch der in einem hübschen Schriftband prangende Name der Liebsten erwünscht war. Das eigentliche Problem jedoch bestand darin, dass er die andere Hälfte seines Lebens damit zu verbringen schien, die eintätowierten Namen
ehemaliger
Liebster wieder in andere Dinge zu verwandeln, wie Stacheldraht zum Beispiel oder Blumen oder irgendetwas eben, womit sich die darunterliegenden Buchstaben kaschieren ließen. »Eine wunderhübsche Fisch ich könnte dir machen. Eine Goldfisch vielleicht, mit Schuppen, die leuchten in allen Farben von Regenbogen. Wie gefallen dir Idee? Eine Fischtätowierung … das wär doch was für Seemann, oder?«
    »Ich will ’n Anker«, beharrte der Mann stur.
    »Ja. Schön. Einen Anker also.« Er seufzte. »Du haben im Kopf spezielle Art von Anker? Oder bloß das Übliche?«
    Der Seemann runzelte irritiert die Stirn. »Wie viele Ankertypen gibt’s denn so?«
    »Also das Übliche.«
    Der Chinese schickte sich an, den ersten Stich auf dem Arm des Seemanns zu setzen. Die Tinte würde in die Einstichstelle rinnen und dabei die tieferen Hautschichten einfärben. Während sich die Oberflächenhaut im Laufe der Zeit verändern und entweder blasser oder brauner werden würde, würde die Tinte für immer dort an ihrem Platz bleiben: unter der Haut. Mit genügend kleinen Nadelstichen und unterschiedlichen Tintenfarben konnte er alles Mögliche zeichnen: einen Fisch, einen Drachen … oder auch einen blauen Anker. Einen weiteren blauen Anker.
    In diesem Moment ließ ein harter Stoß von draußen die Tür auffliegen. Sie krachte so heftig gegen die Wand, dass der Türgriff eine Delle im unverputzten Mauerwerk hinterließ. Ein Mann stand im Türrahmen. Er war so groß und breit, dass weder zu beiden Seiten seines Körpers noch über dem kahlgeschorenen Kopf viel Platz blieb. Seine grobe Kleidung war verschmutzt und sah aus, als wäre er in ihr schon eine geraume Weile herumgereist. Vermutlich hatte er sogar in ihr geschlafen.
    »Du«, knurrte er mit amerikanischem Akzent und starrte den Seemann an. »Raus!« Mit einem Ruck wies sein Daumen über die Schulter zurück, für den Fall, dass die Aufforderung womöglich nicht eindeutig genug gewesen war.
    »He, ich hab ’nen Termin!« Der Seemann stand auf, ballte kampfbereit die Fäuste und machte einen Schritt auf den Eingang zu. Da trat der Mann, der die Tür aufgestoßen hatte, einen Schritt vor.
    Der Kopf des Seemanns reichte ihm nicht einmal bis zum Kinn. Ohne den Blick von den Augen des Seemanns zu lösen, packte er mit der Linken die Metallklinke an der Außenseite der Tür. Dann drückte er zu. Einen Moment lang passierte gar nichts. Aber dann nahm Kai Lung betrübt wahr, wie sich die Klinke unter dem enormen Druck verformte und verbog. Innerhalb von Sekunden sah sie eher wie ein zusammengeknülltes Blatt Papier aus als etwas, das aus Metall bestand.
    »Ach, is’ ja gut«, sagte der Seemann. »Gibt ja noch andere Tattoo-Buden in der Gegend.«
    Der Neuankömmling rückte ein wenig zur Seite, und der Seemann schob sich an ihm vorbei, ohne sich noch einmal umzusehen.
    »Du mir Kunden vergrault«, beschwerte sich Kai Lung. Er hatte keinerlei Angst vor dem Fremden. Er war so alt und hatte in seinem langen Leben so viel gesehen, dass es nichts mehr gab, vor dem er sonderlich Angst hatte. Der Tod war mittlerweile ein alter Freund für ihn geworden. »Ich hoffe, du mir anderen Kunden als Ersatz bringen.«
    Der Mann trat aus dem Türrahmen zurück, um vollends den Weg freizugeben, und ein

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