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Bloodman

Bloodman

Titel: Bloodman
Autoren: Robert Pobi
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1
Vierter Tag
Montauk, Long Island
    Sechzig Meter unter der aufgewühlten, stahlgrauen Oberfläche des Atlantiks trieb eine Handvoll Gespenster in ruckartigem Hin und Her über dem Meeresboden, vor- und zurückflutend wie ein Unterwasserballett. Sie wurden hinausgezogen von dem Sturm, der an der Oberfläche tobte, immer noch vereint, obwohl sie schon meilenweit über den mit Felsbrocken übersäten Grund getrieben waren. Bald würde die sanfte Neigung des Meeresbodens scharf abfallen in die Schwärze und die Gespenster in die Tiefe taumeln lassen. Dort würde sie der Golfstrom packen und an der Ostküste entlang nach Norden ziehen, vorbei an Massachusetts, bis er sie schließlich in den Nordatlantik hinausspülte. Vielleicht wurden sie von den Kreaturen verschlungen, die die dunkle Welt der kalten Gewässer bevölkerten – vielleicht verrotteten sie einfach und wurden vergessen –, aber ganz sicher würde keines von ihnen je wieder von Tageslicht oder Wärme berührt werden.
    Der Meeresboden um sie herum war von Trümmern übersät, und das Geräusch einer Welt, die in Stücke ging, hallte als dumpfes Echo von der Oberfläche. Eine ganze Armee von Gartenmöbeln, Wellblechteilen, Sperrholzplatten und Reifen, ein eingedellter Kühlschrank, eine alte Barbiepuppe, Golfsäcke, Ölgemälde und ein verbeulter Dodge Charger taumelten gemeinsam mit den Gespenstern in der Strömung hin und her und wurden aufs offene Meer hinausgesogen. Der Charger bewegte sich am langsamsten, überschlug sich immer wieder träge seitwärts, eine Tür ein gähnendes Loch, während die Scheinwerfer noch glimmten wie die Augen eines sterbenden Roboters. Barbie bewegte sich am schnellsten, aufrecht gehalten von ihren Kunststoffbrüsten und der Luftblase, die sich in ihrem angejahrten, leeren Kopf gefangen hatte.
    Der Sturm achtete nicht auf die Gespenster und ließ ihnen keine Sonderbehandlung angedeihen; sie stießen mit Haushaltsgeräten zusammen, blieben an Felsen hängen und waren bald von Tang und Plastiktüten und Rissen und Kratzern entstellt wie der restliche Müll.
    Doch im Unterschied zu dem anderen Treibgut, das aufs Meer hinausgesogen wurde, waren sie kein Produkt des Hurrikans; etwas wesentlich Bösartigeres und viel Unberechenbareres als das Wetter hatte sie geschaffen.

2
Erster Tag
Montauk, Long Island
    Jake Cole stand vor der Tür und starrte auf die zerfledderte Fußmatte, die er zum letzten Mal in der Nacht vor mehr als einem Vierteljahrhundert gesehen hatte, als er davongelaufen war. Er spürte ein leichtes Knistern in seinen Schaltkreisen, während ein Schwall der alten Gefühle wieder hochkam, aber er merkte sofort, dass er keine Angst mehr hatte. Oder wütend war. Oder eine der anderen Emotionen empfand, die ihm letztlich den Mut gegeben hatten, fortzugehen. Das Gefühl war da, aber nur abstrakt.
    Der alte Fußabstreifer war verblasst, an drei Seiten ausgefranst. Jeder andere hätte ihn schon längst weggeworfen. Aber nicht sein alter Herr. Er hatte nie achtgegeben auf Sachen wie Fußabstreifer. Oder Manieren. Oder seinen Sohn. Nein, das Einzige, woran Jacob Coleridge jemals etwas gelegen hatte, war Farbe. Die Fußmatte war lila, aber sein Vater hätte es Pantone 269 genannt. Die Blumen waren weiß gewesen – zinkweiß, mein Sohn . Seine Mutter hatte das Ding in einem Touristenladen in Montauk gekauft. Das war kurz vor ihrem Tod gewesen, bevor die Trinkerei seines Vaters außer Kontrolle geriet und anfing, in seinem Schädel herumzukriechen wie eine giftige Spinne, die jede Spur Freundlichkeit, die noch übrig gewesen war, in einen Funkenregen aus Gemeinheit verwandelte.
    Scheiß drauf , dachte Jake, er ist lila und weiß , und streifte sich die Füße daran ab. Er sperrte das massive Schloss auf, stemmte sich gegen die Tür – die Finger auf dem dunklen Teakholz gespreizt – und trat ein.
    In Abwesenheit seines Vaters kam er sich im Königreich des alten Mannes wie ein Eindringling vor. Jacob Coleridge senior hatte nicht nur äußerst zurückgezogen gelebt, sondern war auch immer ein Kontrollfreak par excellence gewesen. Doch Jake kam nicht als Eindringling. Man hatte ihn herbestellt – hergebeten, genauer gesagt –, um Entscheidungen für einen Mann zu treffen, der dazu selbst nicht mehr in der Lage war. Der Arzt im Krankenhaus hatte gesagt, dass sich

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