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Bei Anbruch des Tages

Bei Anbruch des Tages

Titel: Bei Anbruch des Tages
Autoren: Sveva Casati Modignani
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1
    L éonie verlangsamte ihre Schritte und blieb vor der in aufstei genden Nebel gehüllten Villa stehen, die am Ende der Allee stumm und eindrucksvoll vor ihr aufragte. Sie keuchte, und die kühle Morgenluft verwandelte ihren Atem in kleine weiße Wolken. Sie beugte sich vor und verharrte so, um wieder zu Atem zu kommen.
    Seit vielen Jahren, ja, seit sie ihr fünftes Kind zur Welt gebracht hatte, stand sie jeden Morgen um sieben auf, schlüpfte in ihren Jogginganzug und lief eine halbe Stunde durch den Park – und das bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit.
    Nachdem sich ihre Atmung wieder beruhigt hatte, richtete sie sich auf und tupfte sich das Gesicht mit dem Tuch ab, das sie dazu um den Hals trug. Dann lief sie beschwingt auf das majestätische Gebäude zu, das Ende des neunzehnten Jahrhunderts errichtet worden war.
    Die Villa, die in der Mitte eines Gartens lag und von einem zwei Hektar großen Park umgeben war, sah aus wie ein riesiger, sehr eleganter Landsitz. Die ersten Sonnenstrahlen drangen durch den Nebel, und im Näherkommen sah Léonie die blassgelben Arkaden der Fassade, die von lilafarbenen Erika gesäumten Beete, die bereits knospenden Kameliensträucher und die rötlichen Beeren der Stechpalme.
    Das Anwesen wirkte heiter und friedlich, aber Léonie wusste, dass es Ängste, Sorgen und Geheimnisse barg.
    So wie auch sie die ihren sorgsam bewahrte, dachte sie beim Betreten des Hauses.
    Sie ging hinunter ins Souterrain, wo sich in einem riesigen Raum bei gedämpfter Beleuchtung das Schwimmbad befand. Sie zog sich bis auf den Slip aus und sprang ins Wasser. Sie schwamm drei Bahnen, und als sie hinauskletterte, wartete bereits die Physiotherapeutin auf sie, die ihr wie immer stumm und dienstfertig den Bademantel reichte.
    Léonie folgte ihr in die mit Birkenholz vertäfelte Kabine, streckte sich auf der vorgewärmten Liege aus und überließ sich ihren erfahrenen Händen, die mit einem geschickten Druck der Finger Verspannungen lösten. Die Frau verabreichte ihr eine belebende Massage und rieb ihren Körper mit essenziellen Ölen ein.
    Trotz ihrer achtundvierzig Jahre und der fünf Schwangerschaften hatte Léonie nach wie vor eine fast perfekte Figur. Die Physio therapeutin behauptete, die »Signora« sähe auch ohne die täg lichen Behandlungen perfekt aus, aber die »Signora« ließ sie reden und bestand auf ihrem Ritual.
    Nach der Massage schlüpfte Léonie in einen weichen Chenille-Morgenrock und ging zum Lift, um nach oben in ihre Wohnung zu fahren. Als die Tür aufglitt, stand ihr Schwiegervater in einem schwarzen Bademantel vor ihr.
    Â»Bonjour, papà«, begrüßte sie ihn.
    Â»Guten Tag, kleine Hexe«, erwiderte Cavalier Renzo Cantoni, während er auf das Schwimmbad zuging. Léonie lächelte. Dieser Wortwechsel wiederholte sich Tag für Tag.
    Der Lift war vor Jahren eingebaut worden, um ihre Schwiegermutter Celina mobiler zu machen. Sie hatte an extremer Fettleibigkeit gelitten und war schon seit geraumer Zeit tot.
    Jetzt wurde er von allen benutzt.
    Léonie zog sich in ihrer Wohnung an und betrat um Punkt halb neun den Wintergarten, wo das Frühstück bereits angerichtet war.
    Ihr Mann Guido Cantoni stand vor der Lackholz-Anrichte, auf der ein reichhaltiges Büfett zur Auswahl stand. Er nahm sich gerade ein Stück ofenwarmen Apfelkuchen, der köstlich nach Butter und Zimt duftete.
    In diesem Haus wurde schon seit jeher hervorragend, aber auch mit zu viel Fett gekocht, sodass der Patriarch bereits zwei Herz infarkte und seine Gemahlin einen tödlichen Schlaganfall erlitten hatte.
    Nur Léonie verzichtete auf die gehaltvolle Kost und ernährte sich leichter und gesünder.
    Als ihr Mann sie bemerkte, fragte er: »Soll ich dir auch ein Stück abschneiden?«
    Â»Nein danke«, erwiderte Léonie.
    Sie ging zu ihm und küsste ihn flüchtig auf die blasse Wange, füllte ein Schälchen mit selbst gemachtem Joghurt und gab noch einen Löffel frischen Obstsalat hinzu. Dann nahm sie gegenüber dem Fünfzigjährigen mit dem melancholischen Blick, mit dem sie verheiratet war, Platz.
    Es war der zweiundzwanzigste Dezember, und durch die Scheiben des Wintergartens konnte man hinter dem Garten und dem Park mit den Steineichen den Himmel erkennen, an dem sich dicke weiße Wolken ballten.
    Ein alter Diener in roter Livree kam herein und brachte Kannen mit Kaffee und

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