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032

Titel: 032
Autoren: Die Seiltänzerin
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1. KAPITEL
    Der rötliche Schein des Feuers, der Öllampen und Fackeln ließ den Schweiß und die Tränen auf Carys' Wangen glänzen. Sie atmete stoßweise, mehr aus Angst denn vor Erschöpfung, aber dennoch hatte sie in dem immer enger werdenden Geviert zwischen der Feuerstelle auf dem Fußboden der Großen Halle und dem Dais, wo der Burgherr an der Hohen Tafel saß, weitergetanzt. Furchtsamen Blicks schaute sie zu ihm hinüber, doch der neue Zwingherr hatte die Lippen zu einem gnadenlosen Lächeln verzogen. Manchmal schaute er ihrem verzweifelten Tanz zu, manchmal blickte er auf die Männer, die sich von allen Seiten zu ihr drängten. Es würde nicht lange dauern, bis er ihnen mit einer Geste ihren Willen ließ und sie sich auf Carys stürzten.
    Sie fragte sich, wie viele es sein mochten, dreißig oder fünfzig. In jedem Fall waren es zu viele. Jeder von ihnen hatte die Absicht, sie zu besitzen, und das in einer Weise, die ihr Schmerzen bereiten würde. Sie wusste, sie würde tot sein, noch ehe sie mit ihr fertig waren.
    Sie war gewohnt, die Zahl der Gaffer einzuschätzen, während sie tanzte, doch die Geilheit, die die lüsternen Mienen ausdrückten, verwirrte sie. Lust war ihr nichts Fremdes, doch aus diesen Gesichtern sprach der Wunsch zu töten, wie einige Augenblicke zuvor, als ihr Beschützer ums Leben gekommen war. Es war erst eine Viertelstunde her, wie sie auf der Räderuhr sah, dass Ulric, wie drei Jahre zuvor Morgan, noch zwischen ihr und den Zuschauern gestanden hatte. Wut mischte sich in ihre nackte Angst, die sie innerlich zittern machte. Männer! Diese schrecklichen Männer! Sie zweifelte nicht daran, dass Ulrics Habgier, sein Stolz oder seine Torheit der Anlass für die Auseinandersetzung gewesen waren, die seinen Tod herbeigeführt hatte. Und bei Morgan waren es seine Verschlagenheit und Unehrlichkeit gewesen, die ihn das Leben gekostet hatten. Und nun würde auch sie, Carys, qualvoll sterben.
    Wut und die innere Auflehnung führten dazu, dass die Angst über den unausweichlich erscheinenden Tod etwas verdrängt wurde. Carys griff nach den an den Oberschenkeln festgebundenen Dolchen. Morgan hatte sie ihr geschenkt. Wenn sie schon sterben musste, würde sie nicht allein ums Leben kommen. Einen der Dolche konnte sie auf den grinsenden Lackaffen schleudern, der sich sichtlich darauf freute, sie geschändet zu sehen, bis sie verblutete, und sich mit dem anderen Dolch erstechen, ehe jemand sie packte. Derweil sie noch unter ihrem zerlumpten Kleid nach den Waffen tastete, vernahm sie jedoch das tiefe, bestialische Stöhnen der Männer, durch das die leisen Pfeifentöne des Jungen übertönt wurden, zu denen sie tanzte. Sich drehend, bemerkte sie, dass die Männer ihr den Fluchtweg zum Ausgang der Halle versperrten und ihr nur die Möglichkeit blieb, auf die Kante der Estrade zu springen und von dort aus zu fliehen.
    Kurz entschlossen führte sie den Gedanken aus. Durch vier schnelle Schritte bekam sie den Schwung, um direkt über die Mitte der Feuerstelle zu springen. Sie schaffte es jedoch nicht und landete auf den glühenden Kohlen. Sie stürmte darüber hinweg und hatte sie hinter sich, ehe sie die Hitze der züngelnden Flammen spürte. Mit den bloßen Füßen hatte sie die Kohlen berührt, doch ihre Fußsohlen waren hart wie Horn, und die wenigen Glutstücke, die an den Füßen hängen geblieben waren, wurden beim nächsten Schritt ausgetreten. Fast schon hatte sie den Ausgang des Saales erreicht, als hinter ihr wütendes Gebrüll der überraschten Männer aufbrandete. In das Geschrei mischten sich Rufe, man solle sie aufhalten. Sie hastete jedoch nicht zum Ausgang. Ehe die meisten Männer noch einen Schritt hatten machen können, hatte sie alle Kraft zusammengenommen und sprang durch ein Fenster der ebenerdigen Halle.
    Wütendes Gebrüll war hinter ihr zu hören. Zusammengekrümmt krachte sie auf die Erde und machte eine Rolle. Durch die Wucht des Aufpralls bekam sie Prellungen und Abschürfungen, aber als Seiltänzerin lernte man zuerst, wie man geschickt fiel.
    Nach der zweiten Rolle straffte sie sich, richtete sich halb auf und rannte geduckt weiter.
    Noch immer war das Geschrei zu vernehmen, in das sich Befehle mischten, sie festzunehmen und zurückzubringen. In Gedanken vernahm sie die stampfenden Schritte der Verfolger, wenngleich sie sie nicht hören konnte.
    „Liebe Frau, hilf!" betete sie, denn es war stockfinster, und sie rannte, weil die Augen sich noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt

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