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Zorn

Zorn

Titel: Zorn
Autoren: John Sandford
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EINS
    Als Erstes kamen die Abbruchmaschinen, die wie Stahldinosaurier mit ihren Fängen Kamine, Schindeln, Mansardenfenster und Dachvorsprünge, Ziegel, Steine und Mauerwerk, Balken, Treppen, Balkone, Träger und Türpfosten von den Häusern rissen. Alte Träume, begrabene Sehnsüchte, verlorene Leben, Rosen und Flieder, alles verschwand in Schuttlastern.
    Nach dem Abriss folgten die Bagger, die tiefe Löcher in die schwarzbraune Erde gruben, einen ganzen Häuserblock lang. Ein Dutzend schwere Maschinen, Bobcats, Caterpillar D6s und Mack Trucks sowie ein orangefarbener Kubota wühlten sich ächzend durch den offenen Boden.
    Und verstummten plötzlich.
    Die Fahrer versammelten sich, mit gelben Helmen und Arbeitshandschuhen, Jeans und groben Hemden bekleidet, in Zweier- und Dreiergruppen. Betonplatten lagen rund um die Aushebung, Stücke von etwas, das früher einmal Kellerboden und -wand gewesen war. Elektrokabel warteten aufgerollt auf den Abtransport; Pfosten markierten die Stellen, wo neuer Beton aufgeschüttet werden sollte.
    Doch das würde heute nicht mehr geschehen.
    Am einen Ende des Lochs standen zwölf Männer und vier Frauen um eine ehemals transparente Plastikplane, die nun gelbrosa verfärbt war. Jemand hatte die Erde darauf mit der Hand weggewischt. Einige der Anwesenden gehörten zur Bauaufsicht und waren an ihren gelben, weißen oder orangefarbenen Schutzhelmen zu erkennen. Bei den anderen handelte es sich um Polizisten. Eine Frau namens Hote, die einzige Ermittlerin für ruhende Fälle in Minneapolis, kniete am einen Ende der Plane, das Gesicht nur etwa zehn Zentimeter davon entfernt.
    Zwei tote Mädchen grinsten sie durch die Plane an, die mumifizierte Haut straff über den Wangen- und Kieferknochen und der Stirn, die Augen schwarze Höhlen, die Lippen flachgedrückt, die Zähne jedoch so weiß und glänzend wie an dem Tag, an dem die beiden ermordet worden waren.
    Hote hob den Kopf. »Das sind sie, ich bin mir ziemlich sicher.«
    Es war ein heißer, fast wolkenloser Tag, und die Julisonne brannte herunter; die kühle, feuchte Erde roch nach verfaulten Wurzeln und ein wenig nach dem Inhalt aufgerissener Abwasserleitungen. Eine zweite Frau, die mit flachen Absätzen und einer schwarzen, jetzt mit brauner Erde befleckten Zweihundert-Dollar-Wollhose in das Loch geklettert war, fragte: »Was hat sich da abgespielt? Waren sie tot, als sie in die Plane gewickelt wurden?«
    Hote erhob sich, wischte den Schmutz von ihrer Jeans und antwortete: »Ich glaube schon. Sieht so aus, als wären sie erhängt worden.«
    »Stranguliert?«
    »Erhängt«, wiederholte Hote. »Bei beiden Mädchen scheint sich der Lendenwirbelbereich nach unten verschoben zu haben – doch durch das Plastik ist das schwer zu beurteilen. Sie haben die Arme hinter, nicht neben dem Körper, also vermute ich, dass sie mit einem Strick oder Handschellen gefesselt sind. Wie auch immer, wir bringen sie in die Gerichtsmedizin.«
    »Und sonst?«
    »Marcy …« Hote legte sich anders als Kollegen, die die abenteuerlichsten Theorien aufstellten, ohne ausreichende Kenntnis der Fakten nur ungern fest.
    »Irgendwelche Ideen?«
    »Es ist erstaunlich viel Hautgewebe übrig«, antwortete Hote. »Sie sind mumifiziert – es sieht fast so aus, als wären sie in der Plastikplane gefriergetrocknet worden.«
    »Ob der Täter wohl organische Spuren hinterlassen hat?« Die Frau meinte Sperma, ohne das Wort auszusprechen. Sperma bedeutete DNS.
    »Wenn’s mal welche gab, lassen sie sich wahrscheinlich nach wie vor feststellen«, sagte Hote. »Damals war noch so gut wie nichts über DNS bekannt; möglicherweise finden sich Haare des Mörders an ihnen … Aber ich bin nicht vom Fach. Überlassen wir das lieber der Gerichtsmedizin.«
    Einer der Polizisten im Hintergrund meldete sich zu Wort. »Marcy? Da kommt Davenport.«
    Marcy Sherrill, die Leiterin der Mordkommission von Minneapolis, wandte sich um. Lucas Davenport, ein dunkelhaariger, breitschultriger Mann in schwarzer Hose, blauem Hemd, das Sakko an einem Finger über der Schulter, trottete zu der Gruppe hinunter, die nach wie vor um die Plastikgruft herumstand. Er sah aus – Augen, Hemd und Krawatte alle im gleichen modischen Blauton –, als wäre er gerade einer Salvatore-Ferragamo-Werbung entstiegen.
    »Der hat mir gerade noch gefehlt«, murmelte Marcy.
    Ein älterer Polizist bemerkte mit Blick auf die Plastikplane: »Er hat in dem Fall ermittelt.«
    »Kann ich mir nicht vorstellen«, erwiderte Marcy

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