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Winter in Maine

Winter in Maine

Titel: Winter in Maine
Autoren: Gerard Donovan
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Gerard Donovan
    Winter in Maine
    Aus dem Englischen von Thomas Gunkel
    Luchterhand
    Die Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel Julius Winsome
    Wer sehr lange lebt, verliert doch nur dasselbe wie jemand, der jung stirbt. Denn nur das Jetzt ist es, dessen man beraubt werden kann, weil man nur dieses besitzt. Marc Aurel
    ERSTER TEIL
    30. Oktober - 2. November
    1
    Ich glaube, ich habe den Schuss gehört.
    Es war ein kalter Nachmittag Ende Oktober, und ich saß in meiner Hütte auf dem Stuhl neben dem Holzofen und las. Durch diese Wälder streifen viele mit Gewehren bewaffnete Männer, meist in abgelegenen Gegenden, wo niemand wohnt, und besonders am ersten Tag der Jagdsaison, wenn die Leute aus Fort Kent oder noch kleineren Städten mit ihren langen Gewehren in Pick-ups heraufkommen, um Hirsche oder Bä ren zu jagen, durchsieben ihre Schüsse die Luft.
    Doch der metallische Knall, der durch den Wald hallte, schien ganz aus der Nähe zu kommen, nicht mehr als einen Kilometer entfernt, falls das tatsächlich die Kugel war, die ihn tötete. Ehrlich gesagt, habe ich mir seither so oft vorgestellt, ihn zu hören, habe ich das Tonband dieses Augenblicks so oft zurückgespult, dass ich den realen Klang des Gewehrs nicht mehr vom eingebildeten unterscheiden kann.
    Das war nah, sagte ich, legte ein weiteres Scheit aufs Feuer und schloss die Ofentür, bevor der Rauch hervorquellen und sich im Zimmer ausbreiten konnte.
    Die meisten Jäger, auch die Anfä nger, blieben im offenen Wald, weiter westlich in den North Maine Woods und bis zur kanadischen Grenze hinauf, aber ein gutes Gewehr ist weithin zu hören, und ohne Mauern und Straßen lässt sich die Entfer nung nur schwer schätzen.
    Dennoch kam es mir zu nah vor. Die erfahrenen Jäger wussten, wo ich wohnte, wo sich all die Hütten im Wald befanden, manche deutlich zu sehen, manche versteckt. Sie wussten, wo man keine Waffe abfeuern durfte und dass Kugeln so lange fliegen, bis sie irgendwo einschlagen.
    Im Ofen brannte ein schönes Feuer, das meine Beine wärm te, und ich las die Kurzgeschichte von Tschechow zu Ende, in der ein Mädchen nicht schlafen kann und das Baby die ganze Zeit schreit, und weil ich mich völlig darin vertieft hatte, fiel mir gar nicht auf, dass mein Hund weg war. Vor ein paar Minuten hatte ich ihn hinausgelassen, und es war nicht ungewöhnlich, dass er sich von der Hütte entfernte, obwohl er meistens in einem Umkreis von hundert Metern blieb, seinem Territorium, seinem Besitz.
    Ich ging zur Tür, rief nach ihm und dachte wieder, dass der Knall ein bisschen zu nah am Haus gewesen war, sah dann zehn Minuten später noch einmal nach, konnte meinen Hund aber nirgends entdecken, er kam nicht, als ich - jedes Mal lauter - nach ihm rief, und auch als ich zum Waldrand ging und pfiff, die Hände um den Mund legte und brüllte, war nichts von der braunen Gestalt zu sehen, die sonst immer aus dem Unterholz hervorbrach.
    Der Wind war kalt, und ich schloss die Tür und schob das Handtuch davor, damit es nicht zog. Dann blickte ich auf die Uhr, was in den Wintermonaten nur selten vorkommt.
    Es war vier Minuten nach drei.
    2
    In den Norden von Maine kommt der November mit einem kalten Wind aus Kanada, der ungebremst durch den gelichte ten Wald fegt und Schnee über die Flussufer und die Hänge der Hügel breitet. Es ist einsam hier oben, nicht nur im Herbst und im Winter, sondern immer. Das Wetter ist trüb und rau, die Landschaft ist weit und rau, und dieser Nordwind weht unbarmherzig durch jeden Spalt und bläst einem manchmal die Silben aus den Sätzen.
    Ich bin in diesen Wäldern aufgewachsen, dem Wald r and am westlichen Rand des St. John Valley, das an die kana dische Provinz New Brunswick grenzt und sich mit seinen sanften Hügeln und den kleinen, abgelegenen Siedlungen an den Ufern und südlich des St. John River entlangzieht. Mein Großvater war Akadier, wie meine Mutter, und baute die Hütte aus mir unbekannten Gründen meilenweit entfernt von den anderen Franzosen, auf baumbestandenem Land in der Nähe des großen Waldgebiets im westlichen Teil des Tals. Damals lag die Hütte sogar noch abgeschiedener als heute, was seltsam war, denn eigentlich hielten diese Leute zusammen: Die meisten, die in den Siedlungen hier wohnten, stammten von Akadiern ab und waren 1755 von den Briten aus Nova Scotia vertrieben worden. Einige gingen in den Süden nach Louisiana, die Übrigen landeten im Norden von Maine - ein Volk der Extreme, wie mein Vater sagte, Bewohner

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