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Wäre ich du, würde ich mich lieben (German Edition)

Wäre ich du, würde ich mich lieben (German Edition)

Titel: Wäre ich du, würde ich mich lieben (German Edition)
Autoren: Horst Evers
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Der verärgerte, von seinem Platz verdrängte Mann, der direkt hinter ihm sitzt, beugt sich vor und ruft in Richtung des Handys: «Ja, da haben Sie aber wirklich nicht zu viel versprochen. Das ist ja ein tolles Etablissement hier! Wusste gar nicht, dass es so was in Hannover gibt. Großartig, ganz großartig!! Und die Mädels. Ha, die sind ja vom Allerfeinsten!!!»
    Mit weit aufgerissenen Augen starrt der Tischmann nach hinten, stammelt in sein Telefon. «Nein, nein, Schatz … Da ist nichts. Nur ein Idiot hier im Zug, der sich einen Scherz erlaubt.»
    Der Mandelmann brüllt jetzt noch lauter: «Na, na, junge Frau, jetzt lassen Sie den Mann doch in Ruhe telefonieren! Er hat doch gesagt, er muss nur dieses lästige Telefonat hinter sich bringen, und dann ist er ganz für Sie da.»
    Ich muss zugeben, das ist jetzt sogar noch interessanter als der Artikel über depressive Meerschweinchen. Lasse die Zeitung sinken.
    Der Tischmann ist nun in respektabler Panik. Verzweifelt hält er mir das Telefon hin, ruft: «Bitte, sagen Sie doch meiner Frau, dass wir wirklich im Zug nach Berlin sitzen und nur so ein Spinner hier Randale macht!»
    Ich schaue auf das Taschentelefon und überlege. Plötzlich sehe ich, wie mir der Mandelmann in der offenen Hand drei wunderbar duftende Mandeln hinhält. Entschließe mich zu einem Kompromiss und sage: «Was nützt dem Wolf die Freiheit, wenn er das Schaf nicht fressen darf?»
    Der Tischmann reißt sein Handy zurück und beginnt jetzt fast ins Gerät zu weinen. Der Mandelmann hingegen verteilt ungerührt Mandeln an alle Mitreisenden. Die machen dafür Geräusche in seinem Sinne. Innerhalb kürzester Zeit klingt der ganze Waggon wie ein besoffenes Bordell in Hannover. Beziehungsweise so, wie wir uns ein besoffenes Bordell in Hannover vorstellen. Irgendwann schreit der Mann am Tisch: «Es ist gut jetzt! Sie hat aufgelegt, Sie können aufhören!»
    Aber es dauert noch eine ganze Weile. Mindestens vier oder fünf Minuten, bis sich wirklich der ganze Wagen wieder beruhigt hat. Dann nimmt der Tischmann seine Sachen und geht deprimiert und verärgert zum Speisewagen.
    Der Mandelmann setzt sich an den Tisch und ist sehr zufrieden. Kurz darauf jedoch murmelt er nachdenklich: «Aber der Frau gegenüber ist es gemein.»
    Alle Mitreisenden stimmen ihm zu. Ich werde auserwählt, mit dem Handy des vergraulten Mannes vom Speisewagen aus seine Frau anzurufen und alles aufzuklären.
    Nachdem ich ihn gefunden habe, wählt der Mann auch sofort die Nummer und gibt mir sein Smartphone. Als ich seiner Frau alles gestehen will, unterbricht sie mich schnell: «Ach, das weiß ich doch, dass das im Hintergrund gespielt war. Denken Sie, ich bin bescheuert? Das war übrigens sogar ziemlich schlecht gespielt. Aber ich dachte, Gott, man weiß ja, wie die Leute sind. Spiele ich eben einfach mal mit und lasse meinen Mann ruhig ein bisschen schwitzen. Das tut ihm auch mal ganz gut. Jetzt würde ich aber gern wieder zu meiner Zeitung zurück. Ich lese hier nämlich gerade einen sehr interessanten Artikel über depressive Meerschweinchen.»
    Sie legt auf. Ich sage dem Mann, es sei alles geregelt, er solle ihr aber vielleicht etwas aus Berlin mitbringen, worüber sie sich freue. Gehe dann zu meinem Platz, zu meiner Zeitung zurück. Ein gutes Gefühl, irgendwie doch nicht ganz allein zu sein.

Über Horst Evers
    Horst Evers, geboren 1967 in der Nähe von Diepholz in Niedersachsen, studierte Germanistik und Publizistik in Berlin. Er jobbte als Taxifahrer und Eilzusteller bei der Post und gründete 1990 zusammen mit Freunden die Textleseshow «Dr. Seltsams Frühschoppen», die bald zur erfolgreichsten Lesebühne im deutschsprachigen Raum wurde. Horst Evers erhielt u. a. den Deutschen Kabarettpreis (2002) und den Deutschen Kleinkunstpreis (2008). Jeden Sonntag ist er auf radioeins zu hören. Seine Geschichtenbände, zuletzt «Für Eile fehlt mir die Zeit», sind Bestseller. Horst Evers lebt mit seiner Familie in Berlin.

Über dieses Buch
    Wär doch gelacht! Horst Evers’ grandios komische Geschichten über Unbill und Tücken des Alltags
    Warum erfindet der Mensch elektrische Zahnbürsten, aber keinen Mülleimer, der selbständig in den Hof runtergeht und sich ausleert? Gibt es eine Altersvorsorge, die auch schon in jungen Jahren glücklich und zufrieden macht? Wie hält man vor einem Kater dessen Kastration geheim? Wie die Tücken des Hier und Jetzt auch aussehen mögen: Horst Evers hat zwar nicht immer eine Lösung parat, kann

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