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Über mir der Himmel - Nelson, J: Über mir der Himmel

Über mir der Himmel - Nelson, J: Über mir der Himmel

Titel: Über mir der Himmel - Nelson, J: Über mir der Himmel
Autoren: Jandy Nelson
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I. Kapitel
    GRAMA SORGT SICH um mich. Und das nicht nur, weil meine Schwester Bailey vor vier Wochen gestorben ist, meine Mutter sich sechzehn Jahre lang nicht bei mir gemeldet hat oder gar, weil ich plötzlich nur noch an Sex denke. Nein, sie ist besorgt, weil eine ihrer Topfblumen Flecken hat.
    Den größten Teil meiner siebzehn Jahre war Grama unerschütterlich der Überzeugung, ebendiese Topfblume, ein eher unscheinbares Gewächs, sei Spiegel meines gefühlsmäßigen, seelischen und körperlichen Wohlbefindens. Und in diesem Glauben bin ich aufgewachsen.
    Schräg gegenüber von mir, in der anderen Ecke des Raumes, beugt sich Grama – in voller Länge von ein Meter achtzig und geblümtem Kleid – sorgenvoll über die schwarz gefleckten Blätter.
    »Dieses Mal wird es vielleicht nicht besser? Was willst du damit sagen?«, fragt sie Onkel Big, den Baumpfleger, residierenden Oberkiffer und irren Wissenschaftler obendrein. Zu jedem Thema weiß er etwas, doch über Pflanzen weiß er alles.

    Auf jeden anderen mag es seltsam wirken, völlig abgedreht womöglich, dass Grama bei dieser Frage mich anstarrt … auf Onkel Big aber nicht, denn der starrt mich auch an.
    »Dieses Mal ist der Zustand sehr ernst.« Bigs Stimme dröhnt wie von einer Bühne oder Kanzel, seine Worte sind schwergewichtig, sogar Reich mir mal das Salz klingt aus seinem Munde wie die Verkündung der Zehn Gebote.
    Verstört legt Grama die Hand ans Gesicht und ich kritzele weiter mein Gedicht auf den Rand von Sturmhöhe . Ich hab mich in die Sofaecke gekauert. Ich hab keine Lust zu reden, könnte meinen Mund genauso gut zur Aufbewahrung von Büroklammern nutzen.
    »Aber früher hat diese Pflanze sich immer wieder erholt, Big, damals zum Beispiel, als Lennie sich den Arm gebrochen hat.«
    »Da hatten die Blätter weiße Flecken.«
    »Oder erst letzten Herbst, als sie das Probespiel für die erste Klarinette hatte, aber doch wieder an der zweiten bleiben musste.«
    »Braune Flecken.«
    »Oder als …«
    »Dieses Mal ist es anders.«
    Ich schaue auf. Sie beäugen mich noch immer, ein hochgewachsenes Duett aus Trauer und Besorgnis.
    Grama ist der Gartenguru von Clover. Sie hat den außergewöhnlichsten Blumengarten in Nordkalifornien. Ihre Rosen explodieren in Farben, die ein ganzes Jahr Sonnenuntergänge in den Schatten stellen, der Duft ist berauschend, schon wenn man ihn einatmet, so will es die Legende, ist es möglich,
sich auf der Stelle zu verlieben. Aber Gramas berühmtem grünen Daumen zum Trotz scheint diese Pflanze der Flugbahn meines Lebens zu folgen, völlig losgelöst von Gramas Bemühungen oder der eigenen pflanzlichen Vernunft.
    Ich lege Buch und Stift auf den Tisch. Grama rückt ganz nah an die Pflanze heran, flüstert ihr von der Bedeutung des joie de vivre zu, stapft dann rüber zum Sofa und setzt sich neben mich. Und Big kommt dazu, der seine enorme Gestalt neben Grama plumpsen lässt. Wir drei, jeder mit dem gleichen ungebärdigen schwarzen Haar auf dem Kopf, bleiben so sitzen, starren auf gar nichts und der Nachmittag vergeht.
    Das sind wir, seit meine Schwester Bailey vor einem Monat mit einer tödlichen Arrhythmie zusammengebrochen ist, bei einer Probe von Romeo und Julia der hiesigen Laienbühne. Es ist, als hätte jemand den Horizont weggesaugt, während wir woandershin geschaut haben.

2. Kapitel

    ( Gefunden auf dem Pfad zum Rain River, auf Lollipapier geschrieben)

    MEIN ERSTER TAG zurück in der Schule beginnt erwartungsgemäß, die Pausenhalle teilt sich wie das Rote Meer, als ich reinkomme, Gespräche werden gedämpft, Augen werden feucht vor nervösem Mitgefühl und alle starren mich an, als würde ich Baileys toten Körper in den Armen halten. Vermutlich tu ich das auch. Ihr Tod haftet mir an, ich spüre ihn und alle sehen ihn mit bloßen Augen wie einen dicken schwarzen Mantel, in den ich mich an einem schönen Frühlingstag gehüllt habe. Was ich allerdings nicht erwartet habe, ist ein noch nie da gewesener Aufruhr wegen so eines neuen Jungen, Joe Fontaine, der während meiner vierwöchigen Abwesenheit zu uns gekommen ist. Überall, wo ich hingehe, dasselbe:
    »Hast du ihn schon gesehen?«
    »Er sieht aus wie ein Zigeuner.«
    »Wie ein Rockstar.«
    »Ein Pirat.«
    »Ich hab gehört, er spielt in einer Band namens Dive .«
    »Er ist ein Musikgenie.«
    »Irgendwer hat gesagt, dass er früher in Paris gelebt hat.«
    »Dass er Straßenmusik gemacht hat.«
    »Hast du ihn schon gesehen?«
    Ich hab ihn gesehen, denn als ich

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