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Über mir der Himmel - Nelson, J: Über mir der Himmel

Über mir der Himmel - Nelson, J: Über mir der Himmel

Titel: Über mir der Himmel - Nelson, J: Über mir der Himmel
Autoren: Jandy Nelson
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dennoch aufgehängt wurde. Es schwebt über dem Kaminsims im Wohnzimmer, eine halbe Mutter mit langem grünen Haar, das wie Wasser ein unvollendetes Gesicht umspielt.
    Grama hat uns immer erzählt, unsere Mutter würde zurückkommen. »Sie kommt wieder«, hat sie immer gesagt, so als wäre Mom Eier kaufen gegangen oder zum Schwimmen an den Fluss. Grama hat das so oft und mit solcher Überzeugung gesagt, dass wir es, ehe wir es besser wussten, lange Zeit nicht infrage gestellt haben. Wir haben nur sehr viel Zeit damit verbracht, auf das Klingeln des Telefons oder der Türklingel zu warten und auf das Eintreffen der Post.
    Ich tippe mit meiner Hand ganz sachte an Bigs, der die Halbmutter anstarrt wie jemand, der in ein leises, schwermütiges Gespräch vertieft ist. Er seufzt, legt mir einen Arm und Toby den anderen um und wir trotten alle in die Küche wie ein dreiköpfiger, sechsbeiniger, zehn Tonnen schwerer Trauersack.
    Das Abendessen ist – wie nicht anders zu erwarten – ein Schinken-und-Asche-Eintopf, den wir kaum anrühren.
    Danach liegen Toby und ich auf dem Fußboden im Wohnzimmer herum, hören Baileys Musik, schauen uns
zahllose Fotoalben an und lassen uns mehr oder weniger das Herz in tausend Stücke sprengen.
    Ich muss ihn von der anderen Seite des Zimmers her immer wieder heimlich anschauen. Ich sehe beinahe vor mir, wie Bailey um ihn herumstolziert und ihm von hinten die Arme um den Hals schlingt, so wie es ihre Angewohnheit war. Dann hat sie ihm ekelerregend peinliche Sachen ins Ohr geflüstert und er hatte sie auch geneckt und beide haben sie immer so getan, als wäre ich gar nicht da.
    »Ich kann Bailey spüren«, sage ich schließlich, das Gefühl ihrer Anwesenheit ist überwältigend. »In diesem Zimmer, bei uns.«
    Überrascht schaut er von dem Album auf seinem Schoß auf. »Ich auch. Das denke ich schon die ganze Zeit.«
    »Das ist so schön«, sage ich, Erleichterung bricht mit diesen Worten aus mir hervor.
    Er lächelt und kneift dabei die Augen zusammen, als würde ihn die Sonne blenden. »Das ist es, Len.« Ich erinnere mich, dass Bailey mir mal erzählt hat, mit Menschen würde Toby nicht besonders viel reden, aber auf der Ranch könne er verschreckte Pferde mit ein paar Worten zur Ruhe bringen. Wie der heilige Franziskus, hab ich zu ihr gesagt, und ich glaube fest daran – das leise Murmeln seiner Stimme ist beruhigend wie Wellen, die bei Nacht an den Strand schwappen.
    Ich widme mich wieder den Fotos von Bailey als Wendy in der Peter-Pan-Aufführung der Grundschule von Clover. Keiner von uns erwähnt es noch mal, aber das tröstliche Gefühl von Baileys Nähe verlässt mich den Rest des Abends nicht.
    Später stehen Toby und ich vorm Garten und verabschieden
uns. Der schwindelerregende, betrunken machende Duft der Rosen umfängt uns.
    »War toll, was mit dir zu machen, Lennie, mir geht’s besser.«
    »Mir auch«, sage ich und pflücke eine Lavendelblüte. »Viel besser, echt.« Ich sage das leise zum Rosenbusch, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich will, dass er es hört, aber als ich wieder in sein Gesicht gucke, ist es lieb, seine Löwenzüge wirken weniger ausgewachsen, eher löwenbabyartig.
    »Ja«, sagt er und schaut mich an. Seine dunklen Augen glänzen und sind traurig. Er hebt den Arm und eine Sekunde lang denke ich, er will mein Gesicht mit der Hand berühren, aber er fährt sich nur mit den Fingern durch sein Sonnenhaar.
    In Zeitlupe gehen wir die paar verbleibenden Schritte bis zur Straße. Sobald wir da angekommen sind, tauchen Lucy und Ethel aus dem Nichts auf und klettern an Toby hoch, der auf die Knie gegangen ist, um ihnen auf Wiedersehen zu sagen. Mit einer Hand hält er das Skateboard, mit der anderen zaust und streichelt er die Hunde, denen er Unverständliches ins Fell flüstert.
    »Du bist wirklich der heilige Franziskus, was?« Ich hab was übrig für die Heiligen – für die Wunder, nicht für die Kasteiungen.
    »Das wird behauptet.« Ein mildes Lächeln streift über die Weiten seines Gesichts und landet in seinen Augen. »Hauptsächlich von deiner Schwester.« Für den Bruchteil einer Sekunde will ich ihm sagen, dass ich es war, die das gesagt hat, nicht Bailey.

    Er beendet sein Abschiednehmen und steht wieder auf. Dann lässt er das Skateboard auf den Boden fallen und stellt den Fuß drauf. Er steigt nicht auf. Ein paar Jahre vergehen.
    »Ich geh jetzt mal«, sagt er und geht nicht.
    »Mmm«, sage ich. Noch ein paar Jahre ziehen ins Land.
    Bevor er endlich

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