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Über mir der Himmel - Nelson, J: Über mir der Himmel

Über mir der Himmel - Nelson, J: Über mir der Himmel

Titel: Über mir der Himmel - Nelson, J: Über mir der Himmel
Autoren: Jandy Nelson
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dem Fenster lehnt, wie ihr das wilde schwarze Haar ums Gesicht weht, wenn sie sagt: »Kommschon, Len, wir gehen runter an den Fluss – und das pronto.«
    »He, du.« Tobys Stimme erschreckt mich. Der Junge, mit dem Bailey seit zwei Jahren zusammen war, ist teils Cowboy, teils Skater, ganz Liebessklave meiner Schwester – und in letzter Zeit total von der Bildfläche verschwunden, trotz Gramas vieler Einladungen. »Wir müssen wirklich versuchen, ihn zu erreichen«, sagt sie immer wieder.
    Er liegt auf dem Rücken in Gramas Garten, Lucy und Ethel, die rötlichen Hunde der Nachbarn, haben sich schlafend neben ihm ausgestreckt. Im Frühling ist das ein ganz normales Bild. Wenn die Engelstrompeten und der Flieder blühen, hat Gramas Garten etwas absolut Einschläferndes. Nach ein paar Augenblicken inmitten der Blüten finden sich sogar die Energiegeladensten auf dem Rücken liegend beim Wolkenzählen wieder.

    »Ich … äh … jäte ein bisschen Unkraut für Grama«, sagt er. Offenbar ist ihm seine Rückenlage peinlich.
    »Ja, so was passiert selbst den Besten von uns.« Bei dieser Surfertolle und dem breiten, sonnig-sommersprossigen Gesicht kann die Ähnlichkeit zwischen Mensch und Löwe kaum größer sein. Als Bailey und ich ihm zum ersten Mal begegneten, waren wir straßenlesend unterwegs (in unserer Familie sind wir alle Straßenleser, die paar Leute, die in unserer Straße wohnen, wissen das und schleichen in ihren Autos nach Hause, es könnte schließlich sein, dass einer von uns ganz besonders entrückt draußen herumstrolcht.) Ich hab Sturmhöhe gelesen wie üblich und sie las Bittersüße Schokolade , ihr Lieblingsbuch, als ein großartiges kastanienbraunes Pferd Richtung Reitweg an uns vorbeitrabte. Schönes Pferd , dachte ich und wandte mich wieder Cathy und Heathcliff zu, doch wenige Sekunden später musste ich noch mal aufschauen, denn ich hörte, wie Baileys Buch dumpf auf dem Boden aufschlug.
    Sie war nicht mehr an meiner Seite, sondern ein paar Schritte hinter mir stehen geblieben.
    »Was hast du?«, fragte ich, als ich meiner plötzlich lobotomisierte Schwester gewahr wurde.
    »Hast du diesen Typen gesehen, Len?«
    »Welchen Typen?«
    »Gott, was ist bloß los mit dir, diesen tollen Typen auf dem Pferd. Es ist, als wäre er meinem Roman entsprungen oder so. Nicht zu fassen, dass du ihn nicht gesehen hast, Lennie.« Ihre Verzweiflung über mein allgemeines Desinteresse an Jungs war ebenso tief wie meine Verzweiflung über
ihr allzu spezielles Interesse an ihnen. »Er hat sich umgedreht, nachdem er an uns vorbeigeritten ist, und er hat mich angelächelt – der sah vielleicht gut aus … so wie dieser Revolutionär in diesem Buch.« Sie hob ihr Buch auf und wischte den Dreck vom Einband. »Du weißt schon, der, der Gertrudis auf sein Pferd zieht und sie in einem Anfall von Leidenschaft entführt -«
    »Ist ja gut, Bailey.« Ich drehte mich wieder um, las weiter und erreichte schließlich unsere Veranda, wo ich in einen Sessel sank und mich prompt in der rasenden Leidenschaft dieser beiden Menschen auf den englischen Mooren verlor. Am liebsten war mir die Liebe zwischen zwei Buchdeckeln und nicht im Herzen meiner Schwester, wo sie dazu führte, dass Bailey mich monatelang nicht beachtete. Trotzdem schaute ich immer wieder zu ihr hinüber, wie sie am Reitweg auf einem Felsen posierte und so offensichtlich vorgab zu lesen, dass ich nicht glauben konnte, dass sie wirklich Schauspielerin war. Dort blieb sie stundenlang sitzen und wartete auf die Rückkehr ihres Revolutionärs. Der kehrte auch zurück, doch als es endlich so weit war, kam er aus der anderen Richtung und hatte sein Pferd irgendwo gegen ein Skateboard eingetauscht. Es stellte sich heraus, dass er nicht einem Roman entsprungen war, sondern der Clover High, wie wir anderen auch, aber er hing mit den Rancherkids und den Skatern herum, und da Bailey ausschließlich Theaterdiva war, hatten sich ihre Wege bis zu jenem Tag nie gekreuzt. Zu diesem Zeitpunkt spielte es allerdings schon keine Rolle mehr, woher er kam und worauf er sich fortbewegte, denn das Bild von ihm als galoppierender Reiter hatte
sich tief in Baileys Psyche eingebrannt und ihr das rationale Denkvermögen geraubt.
    Eigentlich bin ich nie Mitglied des Toby-Shaw-Fanklubs gewesen. Weder diese Cowboysache, noch dass er es fertigbrachte, auf seinem Skateboard von einem 180°-Ollie zu einem Fakie-Feeble-Grind überzuleiten, konnten aufwiegen, dass er Bailey dauerhaft in einen Liebeszombie

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