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Todesmelodie

Todesmelodie

Titel: Todesmelodie
Autoren: Christopher Pike
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    Prolog
     
     
     
    Im Gerichtssaal
     
    In diesem Prozeß ging es um Mord. Die Angeklagte Sharon McKay hatte angeblich ein Mädchen namens Ann Rice umgebracht. Das machte sich wunderbar in den Schlagzeilen: Die mittellose, begabte Sharon hatte die reiche und schöne Ann in einem Anfall ohnmächtiger Wut ermordet! Ein übles Früchtchen, diese Sharon! Die Medien hatten ihr gefundenes Fressen, denn die beiden Mädchen waren eng befreundet gewesen.
    Aber ich bin doch unschuldig, behauptete Sharon immer wieder – und niemand glaubte ihr. Es gab drei Zeugen des Verbrechens, alles nette Freunde sowohl von Ann als auch von Sharon.
    Da machte es nichts, daß keiner von ihnen etwas gesehen hatte und daß die Leiche noch nicht gefunden war: Nach dem Stand der Wetten würde Sharon schon bald für ungefähr zwanzig Jahre hinter Gittern verschwinden.
    Jetzt konnte es nur noch ein paar Minuten dauern, bis der Prozeß begann. Sharon, die ihr blaues Lieblingskleid angezogen hatte, nahm sich sehr zusammen, um ihre Angst und ihre Erschöpfung vor der Menge zu verbergen, die schon ungeduldig im Gerichtssaal wartete. Sharon saß links von ihrem Pflichtverteidiger John Richmond, dem cleveren, gutaussehenden John, der sich am liebsten Johnny nennen ließ. Er war ihr vom Gericht zugewiesen worden, weil sie sich keinen eigenen Anwalt leisten konnte.
    Sie warf ihm einen Seitenblick zu, während sie darauf warteten, daß der Richter durch die wuchtige Holztür auf der rechten Seite des eindrucksvollen, holzgetäfelten Saales kommen würde, Sharon versuchte sich davon zu überzeugen, daß sie John vertrauen konnte und daß er sie aus dem Gefängnis herausholen würde, aber sie war sich nicht einmal sicher, ob sie als Anhalterin auf dem Schulweg ohne Bedenken zu ihm in den Wagen gestiegen wäre. Schon ihre erste Begegnung war alles andere als gelungen gewesen…
    Wann hatten sie sich zum erstenmal gesehen? Wann war Ann gestorben? Wirklich erst vor vier Wochen? Großer Gott, es kam ihr mindestens zehnmal so lang vor! Die Zeit ging so langsam herum, wenn man sie an der Bewegung der Sonnenstrahlen auf den Ziegeln einer Zellenwand maß! Aber Sharon brauchte nur an den Morgen nach Anns Tod zu denken, und alles kam so schnell wieder hoch, als hätte sie eine von diesen bewußtseinserweiternden Drogen mit Langzeitwirkung genommen.
    John hatte sie an ihrer empfindlichsten Stelle erwischt und er wußte es. Sharon hatte sehr schnell gemerkt, daß er gut darin war, die Schwächen anderer zu erkennen und sie für seine Zwecke zu nutzen! Die Mädchen im Gefängnis sprachen mit Respekt manchmal aber auch spöttisch über ihn. Er konnte eine Jury genauso beeinflussen wie einen Verbrecher. Immer wieder bekam er Mädchen frei, die sonst lange ins Gefängnis gewandert wären, und manche unter ihnen hielten ihn für ein Genie. Aber sie erzählten auch, daß John belohnt werden wollte, sobald sie einmal draußen waren – und offensichtlich war es nicht Geld, was ihn interessierte. Doch das konnten auch erfundene Geschichten sein!
    Vor dem Morgen ihrer ersten Begegnung mit John hatte Sharon die ganze Nacht wach gelegen und um ihre beste Freundin getrauert, in einer Zelle mit einer verstopften Toilette, in der außer ihr noch ein ›mittelalterlicher‹ Betrunkener lag, der sie nicht nur einmal, sondern gleich zweimal mit Erbrochenem besudelt hatte.
    John war wie ein Ritter in einer schimmernden Rüstung in ihr Leben gerauscht, bereit, den Drachen zu töten, der sie bedrohte. Mit seinen blonden Haaren, den blauen Augen, seinen breiten Schultern und dem perfekt geschneiderten Sportjackett sah er aus wie der typische Yuppie.
    »Hallo, ich bin John Richmond«, hatte er gesagt, als er ihre Hand genommen und sich ihr gegenüber hingesetzt hatte. Sie hatten sich in einem düsteren Aufenthaltsraum getroffen, der Sharon als eine – wenn auch nur sehr leichte – Verbesserung gegenüber ihrer Zelle erschien.
    Sie hatte die Erlaubnis bekommen, zur Toilette zu gehen, bevor ein grimmig blickender Sergeant sie in den Raum gestoßen hatte.
    Die Flecken auf ihrer Hose waren mit etwas Wasser rausgegangen, aber sie stank immer noch nach Erbrochenem. John schien das nichts auszumachen. Er klappte seine dünne schwarze Aktenmappe auf und zog einen gelben Notizblock heraus.
    »Ich bin Sharon«, murmelte sie noch immer geschockt und gleichzeitig vollkommen erschöpft. Vor nicht mehr als zwölf Stunden war sie noch in den Bergen gewesen und hatte den Spaß ihres Lebens

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