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Stadt der Finsternis - Andrews, I: Stadt der Finsternis

Stadt der Finsternis - Andrews, I: Stadt der Finsternis

Titel: Stadt der Finsternis - Andrews, I: Stadt der Finsternis
Autoren: Ilona Andrews
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Kapitel 1
    A n manchen Tagen war mein Job ganz schön stressig.
    Ich klopfte mit der flachen Hand an die Leiter. »Sehen Sie? Die ist absolut stabil, Mrs McSweeny. Sie können jetzt runterkommen.«
    Mrs McSweeny sah von der Spitze des Telefonmasts zu mir herab und zweifelte offenkundig, ob mir und der Leiter zu trauen sei. Sie war eine zerbrechlich wirkende Dame von sicherlich schon über siebzig Jahren. Der Wind zauste ihr feines weißes Haar und wehte ihr Nachtgewand auseinander, wobei Dinge zum Vorschein kamen, die vielleicht besser im Verborgenen geblieben wären.
    »Mrs McSweeny, kommen Sie doch bitte runter.«
    Sie beugte den Rücken und holte tief Luft. Nicht schon wieder. Ich hockte mich auf den Boden und hielt mir die Ohren zu.
    Ihr Geheul zerriss die Stille der Nacht. An der Front des Wohnblocks brachte es die Fensterscheiben zum Klingen. Ein Stück die Straße hinab stimmten etliche Hunde in erstaunlichem Gleichklang mit ein. Dieses Klagelied schwoll zu einem vielstimmigen Chor an, in dem das einsame Heulen eines Wolfs mitklang, das verzweifelte Kreischen eines Vogels und das herzzerreißende Weinen eines kleinen Kindes, und der schließlich alles andere übertönte. Die alte Dame heulte und heulte, und es war wirklich zum Steinerweichen.
    Dann war die Woge der Magie mit einem Mal vorüber. Hatte sie eben noch die ganze Welt durchdrungen und der Wehklage der alten Dame große Kraft verliehen, war sie nun, nur einen Augenblick später, ohne Vorwarnung verschwunden, wie eine von der Flut weggewischte Linie im Sand. Die Technik kehrte zurück. Die bläuliche Feenlampe, die oben am Mast hing, erlosch, denn die mit Magie gespeiste Luft in ihrem Innern hatte ihre Wirksamkeit verloren. In dem Wohnblock sprangen elektrische Lichter an.
    Man bezeichnete das als Nachwende-Resonanz: Die Magie überschwemmte in einer Woge die ganze Welt und setzte dabei allem zu, was irgendwie komplex und technisch war: Fahrzeugmotoren verweigerten den Dienst, automatische Waffen blockierten, hohe Gebäude begannen zu bröckeln. Dann verschossen Magier Pfeile aus Eis, Wolkenkratzer sanken in sich zusammen, und magische Wehre erwachten zum Leben und hielten unerwünschte Gestalten aus meinem Haus fern. Bis schließlich die Magie, einfach so, wieder verschwand – und nur die Monster blieben. Keiner vermochte zu sagen, wann die Magie wiederkehren würde, und keiner vermochte es zu verhindern. Uns blieb weiter nichts übrig, als irgendwie mit diesem wahnwitzigen Hin und Her zwischen Magie und Technik zurechtzukommen. Aus diesem Grund trug ich stets ein Schwert bei mir. Das funktionierte immer.
    Der letzte Widerhall des Geheuls war verklungen. Mrs McSweeny sah mich aus traurigen Augen an. Ich erhob mich und winkte ihr zu. »Bin gleich wieder da.«
    Ich ging in den Eingangsbereich des Wohnblocks, wo sich fünf Mitglieder der Familie McSweeny in eine dunkle Ecke duckten. »Erklären Sie mir bitte noch mal, warum Sie nicht rauskommen und mir helfen können.«
    Robert McSweeny, ein Mann mittleren Alters mit dunklen Augen und lichtem braunem Haar, schüttelte den Kopf. »Mom glaubt, wir wüssten nicht, dass sie eine Banshee ist. Miss Daniels, können Sie sie da runterholen oder nicht? Sie sind doch immerhin ein Ritter des Ordens.«
    Also, erstens war ich kein Ritter. Ich arbeitete bloß für den Orden der Ritter der mildtätigen Hilfe. Und zweitens waren solche Verhandlungssituationen wirklich nicht meine Stärke. Ich war sonst eher fürs Töten zuständig – schnell und mit großem Blutvergießen. Und betagte, realitätsblinde Banshees von Telefonmasten herunterholen – das machte ich nun mal nicht alle Tage.
    »Fällt Ihnen nicht irgendwas ein, das mir weiterhelfen könnte?«
    Roberts Frau Melinda seufzte. »Also mir nicht … Sie hat das immer vor uns verheimlicht. Wir haben sie zwar schon mal so heulen hören, aber sie hat dann immer so getan, als ob nichts wäre. Das hier ist überhaupt nicht ihre Art. Sie ist sonst nicht so.«
    Eine ältere schwarze Dame in einem weiten, roten Hauskleid kam die Treppe herab. »Hat die Kleine Margie schon von dem Mast runtergekriegt?«
    »Ich bin dabei«, erwiderte ich.
    »Sagen Sie ihr, sie soll unseren Bingoabend morgen nicht vergessen.«
    »Danke.«
    Ich ging zurück zu dem Mast. Einerseits tat mir Mrs McSweeny leid. Die drei Ordnungskräfte, die seit der Wende das Leben in den Vereinigten Staaten regelten – die Supernatural Defense Unit des Militärs, die Paranormal Activity Division der Polizei

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