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So weit die Hoffnung trägt - Roman

So weit die Hoffnung trägt - Roman

Titel: So weit die Hoffnung trägt - Roman
Autoren: Bastei Lübbe
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Prolog
    Gestern Nacht hatte ich einen Traum, in dem McKale mir erschienen ist.
    »Wo bist du?«, fragte sie.
    »South Dakota«, antwortete ich.
    Sie starrte mich an, ohne etwas zu sagen, und ich begriff, dass sie nicht meinen Aufenthaltsort meinte.
    »Ich weiß nicht«, sagte ich.
    »Geh weiter«, sagte sie. »Bleib einfach nicht stehen.«
    A LAN C HRISTOFFERSENS T AGEBUCH
    Vor ein paar Jahren ging ich einmal in Seattle durch ein Einkaufszentrum. Eine Frau, die an einem Kiosk verbilligte Flugtickets verhökerte, rief mir zu: »Sir, wenn Sie eine Minute Zeit haben, kann ich Ihnen helfen, fast die Hälfte bei Ihrer Reise zu sparen!«
    »Danke«, erwiderte ich höflich, »aber ich bin wirklich nicht interessiert.«
    Sie fuhr unbeirrt fort: »Wenn Sie an einen beliebigen Ort auf der Welt fahren könnten, wohin würden Sie fahren?«
    Ich blieb stehen und sah sie an. »Nach Hause.« Ich wandte mich ab und ging weiter.
    Ich nehme an, ich bin so ziemlich der Letzte, von dem man erwarten würde, dass er das Land zu Fuß durchquert. Ich war noch nie jemand, der, wie Steinbeck schreibt, besessen war von »dem Drang, irgendwo anders zu sein.«
    Das soll nicht heißen, dass ich keine Reisen unternommenhätte. Ich bin mehr als genug gereist, und ich habe die Stempel in meinem Pass, um es zu beweisen. Ich habe die Chinesische Mauer gesehen, die Eremitage in Russland und die römischen Katakomben. Ehrlich gesagt waren diese ganzen Reisen nicht meine Idee. Meine Frau, McKale, wollte die Welt sehen, und ich wollte sie glücklich sehen. Um genau zu sein, wollte ich nur bei ihr sein, daher bin ich mitgefahren. Die fremden Örtlichkeiten waren nur verschiedene Hintergründe für mein Bild von ihr.
    Sie . Ich vermisse sie jeden Tag. Ich bin vielleicht ein heimlicher Stubenhocker, aber das Leben hat mich gelehrt, dass mein Zuhause nie eine Stube war. Mein Zuhause war sie . An dem Tag, an dem McKale starb, verlor ich mein Zuhause.
    Bis zu dem Augenblick, als ich McKale verlor, hatte ich mein Leben als Lügner gelebt. Das sage ich nicht nur, weil ich in der Werbung war (auch wenn ich dadurch als professioneller Lügner gelten könnte). Ironischerweise war ich aufreibend ehrlich in unwichtigen Dingen. Zum Beispiel bin ich einmal in ein McDonald’s gegangen, um zehn Cents zurückzugeben, als mir das Mädchen am Drive-in-Fenster zu viel Wechselgeld herausgegeben hatte. Doch bei den Dingen mit den größten Konsequenzen habe ich mir etwas vorgemacht. Ich sagte mir, McKale und ich würden zusammen sein, bis wir alt und grau wären – dass uns irgendwie eine bestimmte Lebensspanne garantiert war, bevor unsere Zeit ablief, wie bei Milchpackungen. Vielleicht ist ein gewisses Maß an Selbstbetrug notwendig, um den Tag zu überstehen. Aber egal, was wir uns einreden, es ändert nichts an der Wahrheit: Unser Leben ist auf Sand gebaut.
    Für diejenigen von Ihnen, die auf meinem Weg erst jetzt zu mir stoßen: Meine Ehefrau McKale, meine Sandkastenliebe, brach sich bei einem Reitunfall die Wirbelsäule, sodass sie von der Hüfte abwärts gelähmt war. Vier Wochen später starb sie an den Komplikationen infolge des Unfalls. In ihren letzten Tagen, während ich mich um sie kümmerte, stahl mir mein Partner, Kyle Craig, meine Firma, und meine so sicher geglaubte bürgerliche Existenz brach in sich zusammen. Mein Haus wurde unter Zwangsvollstreckung gestellt und meine Wagen von der Leasingfirma wieder in Besitz genommen.
    Nachdem ich meine Frau, meine Firma, mein Haus und meine Autos verloren hatte, spielte ich mit dem Gedanken, mir das Leben zu nehmen. Aber stattdessen packte ich ein paar Sachen, sagte Seattle Lebewohl und machte mich auf den Weg zu dem am weitesten entfernten Punkt auf meiner Karte, der zu Fuß erreichbar war: Key West, Florida.
    Ich nehme an, wenn ich absolut aufrichtig zu mir wäre (was ich, wie ich bereits festgehalten habe, nicht bin), dann müsste ich zugeben, dass es mir nicht wirklich um Florida geht. Key West ist mir ebenso fremd wie all die anderen Städte, durch die ich auf meinem Weg gekommen bin. Ich bin auf dem Weg, um zu finden, was das Leben noch bereithalten könnte. Ich suche nach Hoffnung: dass das Leben vielleicht doch noch lebenswert ist und ich endlich akzeptieren lerne, was ich verloren habe.
    Vielleicht gilt das für uns alle. Ich bin gewiss nicht der Einzige, der hofft, eine solche Gnade zu finden. Auf meiner Reise habe ich noch andere getroffen. Wie zum Beispiel jenen älteren Polen in Mitchell, South Dakota, der

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