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Sherlock Holmes und die Shakespeare-Verschwörung (German Edition)

Sherlock Holmes und die Shakespeare-Verschwörung (German Edition)

Titel: Sherlock Holmes und die Shakespeare-Verschwörung (German Edition)
Autoren: J. J. Preyer
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KAPITEL 1
     
DOMINOSTEINE
     
     
    Stratford-on-Avon, England
    Feuchter Nebel drückte kalt auf die kleine Stadt am Flusse Avon. Es war ein Morgen, an dem alle, die nicht unbedingt unterwegs sein mußten, zu Hause geblieben waren. Die Straßen waren menschenleer, die Beleuchtung war noch eingeschaltet, die Läden hatten noch nicht geöffnet.
    Atemlose Stille, die nur vom Schlagen der Turmuhr der Trinity Church kurz unterbrochen wurde, lag über Shakespeares Geburtsort.
    Am Theatergebäude am Fluß plätscherte dunkel das Wasser des Avon. Noch hatte die Saison nicht begonnen, noch hatten die kulturinteressierten Touristen den Weg aus London hierher nicht angetreten.
    Eine einsame Gestalt, in einen langen, dunklen Mantel gehüllt, eilte am Theater vorbei in Richtung Clopton Bridge. Am Shakespeare-Denkmal am Bancroft Park blieb sie stehen. Fast schien es, als ob sie den steinernen Rundsockel, auf dem der Dichter, umgeben von Gestalten seiner Theaterstücke, saß, zum ersten Mal sah. Der glatzköpfige Dramatiker mit dem Spitzbart und seine Figuren: Lady Macbeth, die mit ihrem Mann den König ermordete, um selbst zu herrschen. Prinz Hal, der spätere Heinrich V., der vom jugendlichen Herumtreiber zum würdigen Herrscher seines Landes reifte, vereint mit Falstaff, seinem Saufkumpan aus frühen Jahren. Und der zögernde Dänenprinz Hamlet, dessen Freundin sich im Fluß ertränkte.
    Lange stand die dunkle Gestalt vor dem Denkmal, angespannt, wie ein Panther vor dem tödlichen Sprung, dann enteilte sie in den Nebel.
     
    »Professor! Ist Ihnen nicht gut?«, rief Jonathan Hall, als er seinen Chef auf dem Boden liegen sah, doch der Literaturwissenschaftler reagierte nicht.
    »Ich muß Hilfe holen«, war sein nächster Gedanke, und er trat näher an den reglosen Körper von Professor Robin Wilcher heran.
    Der Mann lag hinter seinem Schreibtisch. Sein Oberkörper war entblößt. Auf seinem Bauch stand etwas geschrieben, ein Shakespeare-Zitat: IHR SCHMIEDET EUERN TOD DURCH DIES BEGINNEN.
    Es roch nach Grillfleisch. Der stellvertretende Leiter des Shakespeare Resource Trust erkannte, daß man dem Mann die Worte in das Fleisch gebrannt hatte, wie einem Stück Vieh, das man markiert.
    Der Professor war tot. Vorsichtig, um keine Spuren zu verwischen, verließ Jonathan Hall das Zimmer, begab sich einige Türen weiter in sein eigenes Büro und verständigte die Polizei.
     
    Fairmount Hotel, Sussex
    Seit Tagen hatte der Junge das Hotel nicht verlassen. Elizabeth und Bertram Bromhams Sohn Rory war damit beschäftigt, Dominosteine aufzustellen. Er wollte diese als Höhepunkt seiner Geburtstagsfeier in einer Kettenreaktion zum Umstürzen bringen.
    Wer hatte den Sohn der Betreiber des Fairmount Hotels in Sussex auf diese Idee gebracht?
    Es war der fast zweiundsiebzigjährige, hoch gewachsene Mann mit der schmalen Adlernase, mit den stechenden, grauen Augen, deren Ausdruck jedoch mild und freundlich wurde, sobald der Junge auftauchte.
    Sherlock Holmes, der Detektiv aus London, der sich vor vier Jahren als Dauermieter hierher nach Sussex, in das Hotel am Meer, zurückgezogen hatte, war ein lieber Wahlonkel für den Fünfjährigen. Die wichtigste Bezugsperson für Rory, neben seinen Eltern selbstverständlich. Aber während sich diese um das Hotel und seine Bewohner kümmerten, erzählte ihm Mr. Holmes von seinen großen Kriminalfällen. Er wanderte mit dem Jungen die Klippen entlang zum Meer und erklärte ihm die Tier- und Pflanzenwelt der South Downs. Er besuchte ihn in der Wohnung der Eltern, in den Mansarden des Hotels, um mit ihm Domino zu spielen. Für Schach war das Kind noch zu klein, aber die Regeln von Domino hatte er sofort begriffen. Um dem Jungen das Spiel schmackhaft zu machen, hatte Holmes eine neue Verwendungsweise für die weißen Steine gefunden: Er stellte sie auf der Schmalseite auf, in langen Reihen und komplizierter Anordnung, und brachte sie in einer Kettenreaktion zu Fall, was den blonden Jungen mit dem widerspenstigen Haar zu Begeisterungsschreien hinriß.
    Nun plante Rory im März, an seinem sechsten Geburtstag, zu dem seine Freunde eingeladen waren, eine besondere Attraktion. Er wollte eine Anordnung von exakt tausend Dominosteinen umstürzen lassen.
    Sein Zimmer war zu klein geworden, also plazierte er die Steine auch auf dem Flur. Er bat seine Mutter und seinen Vater inständig, vorsichtig zu sein, damit sie die Kettenreaktion nicht vorzeitig auslösten.
    »Versprochen. Aber für Fritz kann ich die Tatze

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