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Serafinas später Sieg

Serafinas später Sieg

Titel: Serafinas später Sieg
Autoren: Judith Lennox
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ist mit dir?«
    Sie schaute ihn trotzig an. »Ich will nicht weg!« murmelte sie. Ihre Aufsässigkeit erfüllte sie mit einer Mischung aus Stolz und Furcht.
    »Ich habe dich nicht verstanden.« Ihr Vater sah sie fragend an.
    »Ich will nicht weg«, wiederholte sie, wobei sie die Unterlippe vorschob, wie sie es als kleines Kind getan hatte, wenn ihr etwas nicht gefiel.
    »Du kommst ja wieder«, versuchte ihr Vater sie zu besänftigen. »Und wenn du Angst vor der Seereise hast, kann ich dich beruhigen, wir werden uns immer nah an der Küste halten. Es besteht also kein Grund, dich vor dem offenen Meer zu fürchten.«
    »Ich will nicht weg«, beharrte Serafina. »Ich will hierbleiben!«
    Ihr Vater wollte sie in den Arm nehmen, doch sie wich aus, ging zum Fenster und starrte auf den Hafen hinunter. Einige der Masten da draußen gehörten zu den drei Schiffen, die am kommenden Morgen nach Pisa aufbrechen würden: Die Gabrielle , die Mignon und die Petit Cœur. Plötzlich wirkte das Meer fremd und bedrohlich. Die Masten erschienen ihr wie gegen den Himmel gerichtete Lanzen und Schwerter.
    Mit gezwungener Munterkeit sagte ihr Vater: »Du wirst das Land deiner Ahnen kennenlernen, Serafina. Die wichtigsten florentinischen Familien werden zu deiner Verlobung erscheinen, und du wirst das schöne Kleid tragen, das Marthe für dich genäht hat.«
    Als nächstes, dachte Serafina, wütend, wird er mir eine Schachtel Süßigkeiten und einen jungen Hund versprechen. » Du bist meine Familie«, sagte sie, »und dieses Haus ist mein Heim. Warum muß ich es verlassen?«
    »Weil eine Ehefrau nun mal im Hause ihres Mannes wohnt«, erklärte Franco Guardi ernst. »Aber bis dahin werden noch Jahre vergehen. Wenn wir deine Verlobung gefeiert haben, werde ich in Florenz, Neapel und Livorno einige Geschäfte abwickeln, und zum Ende des Sommers werden wir hierher zurückkehren.«
    Als Marthe ihr die körperliche Seite der Ehe erklärt hatte, hatte sie sich geängstigt – jetzt war sie zornig. »Aber irgendwann muß ich für immer weg – um im Bett eines alten Mannes einen Erben für dich zu empfangen!«
    Sie hörte Marthe mißbilligend zischen und bemerkte, daß alle Farbe aus dem Gesicht ihres Vaters wich. Plötzlich sah er aus wie ein alter Mann. Sie bereute ihre Worte sofort: Es war ihr unerträglich, ihn gekränkt zu haben. Sie lief zu ihm, öffnete seine Fäuste und flocht ihre Finger in seine. »Verzeih mir«, flüsterte sie. »Es ist eine Ehre für mich, Michele Corsini zu heiraten.«
    Er schaute kummervoll auf sie hinunter. »Dieses Haus wird immer dein Heim bleiben. Die Corsinis haben einen großen Namen, aber kaum Vermögen. Eines Tages, wenn ich nicht mehr bin, werden Micheles Söhne – deine Söhne – das Geschäft weiterführen, das dein Großvater gegründet hat. Es wird deine Aufgabe sein, sie alles zu lehren, was sie dafür wissen müssen, Serafina.«
    Sie fing an zu weinen. Ihr Kopf schmerzte, und ihre Augen brannten. Glitzernd wie Brillanten fielen die Tränen auf ihr Mieder.
    Am folgenden Morgen mußten sie früh aufstehen, da sie mit der Flut auslaufen wollten. Marthe steckte Serafina in zahlreiche Unterröcke und in ein mit Steinen besetztes Samtkleid. Schon vor dem Verlassen des Hauses hatte Serafina das Gefühl zu ersticken.
    Das Wetter war schön, der Himmel eine hohe blaue Kuppel, an der ein paar Wattewolken schwebten. Sie gingen den kurzen Weg zum Hafen zu Fuß. Das Gepäck wurde von Bediensteten getragen – auch von Ibrahim. Als er aus dem Haus trat, warf er sich zu Boden, um zu beten. Ein so vertrautes Bild, daß niemand stehenblieb, um ihn anzustarren oder aufzuscheuchen. Als kleines Mädchen wäre Serafina auf den Schultern ihres Vaters geritten – doch heute trug sie ein steifes Mieder und einen sperrigen Reifrock wie eine Erwachsene. Ihr war übel, und ihre Beine drohten bei jedem Schritt nachzugeben, aber sie setzte verbissen Fuß vor Fuß.
    Bis Angelo, den sie an diesem Morgen noch nicht gesehen hatte, ihnen über den Marktplatz entgegenkam. Er führte sein gesatteltes und aufgezäumtes spanisches Pony am Zügel, blieb vor Serafina und ihrem Vater stehen, riß schwungvoll seine Kappe vom Kopf und verbeugte sich tief. Seine goldbraunen Locken flogen. »Mademoiselle«, sagte er und reichte ihr die Hand.
    Und so ritt Serafina den Rest des Weges wie eine große Dame. Sie kamen an der Bäckerei vorbei, beim Fleischer und Konditor und an den Fischkörben am Kai: Meeräschen, Blaufische, Starraugen und Loups de

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