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Serafinas später Sieg

Serafinas später Sieg

Titel: Serafinas später Sieg
Autoren: Judith Lennox
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sprach gottlob sowohl französisch als auch italienisch, und so erfuhr ich die ganze Geschichte, ohne einen Übersetzer zu benötigen. Während er erzählte, wuchs die Überzeugung in mir, daß Thomas lebte. Es konnte nicht sein, daß die See ihn besiegt hatte.
    Robert Marlowe hatte mir den Schlüssel zu dem Haus seines Bruders in Greenwich gegeben, und nach meinem Besuch bei den Keanes begab ich mich dorthin. Es war, wie Thomas gesagt hatte, »nichts Besonderes«, aber es lag in der Nähe der Docks, was mir sehr lieb war. Ich befreite die Möbel von den Schonbezügen, machte Feuer in allen Kaminen, um die Feuchtigkeit aus den Räumen zu vertreiben, und engagierte einige Bedienstete und Angestellte. Und dann machte ich mich an die Arbeit: Ich mußte herausfinden, was aus Thomas geworden war. Ich wußte, an wen ich mich wenden mußte, und ich beherrschte die Lingua franca des Bagno und die Sprache des Islam, was bei meinen Nachforschungen äußerst hilfreich war.
    Da ich die Absicht hatte, in England zu bleiben, trat ich zum protestantischen Glauben über. Dieser Wechsel bedeutete mir nichts, ich hatte schon in der Zeit bei Kara Ali meine eigene Religion entwickelt. Der herkömmliche Gott war meiner Ansicht nach nur eine Erfindung, die den Menschen half, ihre Ängste besser zu ertragen.
    Und dann kam eines Tages die Nachricht, daß Thomas noch am Leben war. Ein Mitglied der Redemptionist Friars hatte den Brief geschrieben, und er besagte, daß Thomas in Algier gefangengehalten werde. Selbst ein Mann, der für die Türken so wertvoll war wie Thomas, konnte freigekauft werden, wenn die Summe hoch genug war. Ich besaß reichlich Gold, das ich in Neapel und Livorno hinterlegt hatte, bevor ich Pisa verließ, und ich hatte noch immer Freunde in Italien: William Williams, Constanza und einige Bankiers und Kaufleute, die zunächst meinen Körper begehrt hatten und mich dann wegen meines Verstandes schätzenlernten. Thomas war durch und durch Engländer, er würde niemals den Turban nehmen. Also leitete ich seinen Freikauf in die Wege. Es trafen weitere Briefe ein, und in allen wurde berichtet, daß die Türken Thomas gut behandelten, da sie seine Fähigkeiten sehr zu schätzen wüßten. Ich schrieb ihm mehrmals, obwohl ich Zweifel daran hatte, daß die Briefe ihm ausgehändigt würden. Vor sechs Monaten erreichte mich die Nachricht »Thomas Marlowe baut ein Schiff«. Ich zeigte das Schreiben Edward Whitlock – seit Thomas seine Garland gerettet hatte, war er versöhnt –, und er erklärte mir, daß die Berber bestrebt seien, ihre Galeeren durch große Galeonen zu ersetzen, wie sie in den nördlichen Ländern gebräuchlich seien, und ihre christlichen Gefangenen dazu zwängen, sie zu bauen, um damit in Zukunft noch erfolgreicher Jagd auf Christen machen zu können. Wenn Thomas zurückkehrte, würde er nicht mehr ins Mittelmeer segeln. Er würde ganze Ozeane überqueren, zu den Ländern reisen, von denen er schon immer geträumt hatte – und nicht einmal die Korsaren würden es wagen, ihn mit ihren neugebauten Schiffen zu überfallen. Ich würde nicht versuchen, ihn festzuhalten, meine Liebe zu ihm war so tief, daß ich die Zeiten der Trennung damit überbrücken könnte.
    Ich habe mehr als ein Jahr gebraucht, um mich an das Wetter zu gewöhnen, mit dem dieses Land gestraft ist. Lange Zeit rettete ich mich in Illusionen, um dem Anblick des wolkenverhangenen Himmels, des schmutziggrauen Wassers und der regennassen Straßen zu entfliehen, indem ich die Augen schloß und mir den italienischen Himmel vorstellte, der am Horizont leuchtend blau mit dem Meer verschmolz, auf dem goldene Sonnenflecken tanzten. Inzwischen komme ich ohne diesen Selbstbetrug aus. Ich habe festgestellt, daß auch dieses Land seine Reize hat.
    Durch Zufall erfuhr ich von Angelos Tod, als ich eines Tages im Hafen Bruchstücke eines Gespräches aufschnappte. Der Matrose war im Juni 1597 in Marseille gewesen und hatte den Überfall der Bettler als Zuschauer miterlebt. Zuerst konnte ich es kaum fassen, daß seine Intelligenz und seine Schönheit auf so primitive Weise zerstört worden waren, doch dann erkannte ich die Gerechtigkeit darin.
    Die englischen Frauen sind von großer Schönheit und Willensstärke. Die Männer empfand ich zunächst als unhöflich, aber inzwischen habe ich mich an ihre Art gewöhnt – ja, ich mag sie sogar. Mit ihrer dickschädeligen Zielstrebigkeit erinnern sie mich an Thomas – und an mich selbst. Ich beginne, mich hier wohl zu

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