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Serafinas später Sieg

Serafinas später Sieg

Titel: Serafinas später Sieg
Autoren: Judith Lennox
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Frankreich gekommen war, hatte es gebaut. Er sah voraus, wie die Stadt sich entwickeln würde: zu einem Tor zum Norden, durch das mit seiner kundigen Hilfe die Schätze der Levanten strömen könnten. Im Laufe der Zeit überließ er den Handel mit Gewürzen und Metallgegenständen anderen und spezialisierte sich auf Stoffe. Kerseys, Leinen und Wollstoffe flossen von Norden nach Süden; Seide, Grogram und Baumwolle von Süden nach Norden – wie zwei entgegengesetzte Ströme im selben Flußbett, die einander jedoch nicht zuwiderliefen, sondern sich ergänzten. Guardi-Packtiere trugen ihre Lasten durch die Rhônetäler, Guardi-Koggen und -Rundschiffe segelten durch den Golf von Lyon und das Ligurische Meer. Der französische Bürgerkrieg verursachte den Guardis zwar Unbilden, doch sie überstanden sie. Die Provence lag geographisch so günstig, daß Serafina vom Krieg nicht mehr mitbekam als Monsieur Jacques' Klagen und einige verkrüppelte Bettler mehr in den Straßen.
    Abgesehen von Monsieur Jacques, der Franco Guardis Disponent war, gab es noch Monsieur de Coniques, den Notar. Er arbeitete Verträge aus, stellte Versicherungsansprüche, wenn Schiffe ihr Ziel aus irgendwelchen Gründen nicht erreichten, und fungierte bei allen geschäftlichen Belangen als Ratgeber. Franco Guardi sprach ihn mit seinem Vornamen, Jehan, an, was niemand sonst wagte, denn der Mann entstammte einer vornehmen, ehemals reichen Familie, die ihn jedoch mit nichts ausgestattet hatte als mit einem guten Namen und einem an der Sorbonne abgeschlossenen Jurastudium. Franco Guardi hatte großen Respekt vor Namen mit Tradition und Verständnis dafür, daß ein Mensch, der so viel verloren hatte, gelegentlich Trost im Wein suchte. Jehan war dünn, dunkelhäutig und in Serafinas Augen alt: Jeder Mann, der älter war als Angelo, erschien ihr alt. Oft musterte sie ihn – unbemerkt, wie sie glaubte – und fragte sich, wie es sein mochte, alles zu verlieren, außer dem Namen und der Bildung.
    Marthe, die Haushälterin der Guardis, war Serafinas Amme gewesen. Sie hatte auch Serafinas ältere Brüder gestillt, doch die starben, noch bevor sie entwöhnt waren. Marguerite Guardi war an den Pocken gestorben, als Serafina sechs Monate alt war. Serafina, die an Marthes fülliger Brust genährt worden war, hatte nur eine Pocke auf dem Bauch bekommen und kein Fieber. Natürlich hatte Serafina keine Erinnerung an ihre Mutter. Marthe war groß, dunkelhaarig und jähzornig, und ehe ihre Augen sich trübten, lehrte sie Serafina das Sticken. Jehan de Coniques lehrte sie Latein. Angelo lehrte sie, hochwertige Seide von minderer Qualität zu unterscheiden. Auf den Docks und in den Straßen lernte sie Französisch und zu Hause Italienisch. Zahlen faszinierten sie am meisten – doch sie erinnerte sich nicht daran, wer ihr den Umgang mit ihnen beigebracht hatte.
    An dem Morgen, als sie von ihrer Verlobung erfuhr, spielte Serafina mit Lisette, der Tochter des Bäckers. Lisette war zwei Jahre älter als sie, hatte dunkle Locken und einen kleinen, aber bereits deutlich erkennbaren Busen. Serafina beneidete sie insgeheim glühend um beides.
    Sie hatten in Serafinas Schlafzimmerkommode ein Bett für Rosalie gerichtet. Unterröcke, Weißwäsche und Hemden aus der Schublade lagen auf dem Boden verstreut. Rosalies Holzkopf ruhte auf einem mit Spitzen eingefaßten Kissen, und sie war mit einer Seidendecke zugedeckt.
    Lisette, die auf dem Boden kniete, erzählte Serafina, was sich kurz zuvor in der Bäckerei zugetragen hatte: »Er stolperte, und der Mehlsack platzte. Er war über und über weiß! Er sah aus«, Lisette senkte die Stimme, damit Marthe, die in einem Sessel döste, es nicht hörte, »wie Madame Lamotte!«
    Serafina kicherte. Madame Lamotte war uralt, trug eine orangefarbene Perücke und hatte immer eine dicke Puderschicht auf dem Gesicht. Lisette schnitt eine Grimasse und fing ebenfalls zu kichern an. Marthes Lider zuckten, und sie regte sich in ihrem Sessel. Die Mädchen preßten die Hände auf den Mund, vergruben die Gesichter in den Röcken und bebten vor Lachen.
    Plötzlich wurden draußen Schritte laut, und gleich darauf öffnete sich die Tür. Serafina wischte sich die Tränen von den Wangen und hob den Kopf.
    »Papa!«
    Gleich darauf lag sie in den Armen ihres Vaters und klammerte sich mit beiden Händen an seine von der Reise staubigen Kleider. Dann rückte sie ein wenig von ihm ab und studierte, auf der Suche nach Veränderungen, die es in den vier Monaten

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