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Schoener Schlaf

Schoener Schlaf

Titel: Schoener Schlaf
Autoren: Gabriella Wollenhaupt , Friedemann Grenz
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verneinte. »Er soll am Nachmittag oder morgen früh ins Präsidium kommen. Lasst ihn gehen.«
    Er wandte sich wieder der Toten zu. »Seltsames Kleid«, murmelte Kant.
    Â»Die gängige Mode ist das jedenfalls nicht«, bestätigte der Beamte. »Ich schicke dann mal eben den Zeugen nach Hause.«
    Kant war froh, als der Kollege ihn allein ließ.
    Er sah sich das Kostüm in Ruhe an. So etwas war ihm bisher höchstens auf Fotos oder in Büchern begegnet.
    Der Rock des Kleides war sehr weit und fast knöchellang. Das Gewebe glänzte wie Seide. Um die Taille der Frau war ein reich verzierter Gürtel geschlungen, Kant bemerkte Stickereien aus goldfarbenem Garn und einige winzige Goldperlen. Eine ähnliche – nur nicht so aufwendige – Verzierung war oberhalb der weißen, mit Spitze verzierten Ärmelsäume angebracht. Das Oberteil lag eng an und ein weißes Tuch bedeckte die Schultern. Die Ärmel selbst waren aufgebauscht und aus feinem, gelbem Stoff.
    Wie im Theater, dachte Kant, vielleicht war die Frau Schauspielerin. Oder sie verkleidete sich gern.
    Das Haar der Toten war vermutlich üppig gelockt. Doch die Mähne war streng aus der Stirn zurückgekämmt. Nur über den kleinen, perfekt geformten Ohren kringelten sich Strähnen, von denen einige am Ende mit einem schmalen roten Schleifchen verziert waren. In den Dutt am Hinterkopf war ebenfalls ein rotes Band geflochten.
    Die Bahn getrockneten Blutes verlief von der linken Brust nach unten und wiederholte das Motiv der roten Bänder in einem dunkleren Ton.
    Die Frau trug keine Schuhe. Die Füße waren gepflegt, die Nägel rot lackiert. Kant trat näher zu der Leiche und roch an ihr. War das Rosenduft oder stammte der Geruch von irgendeiner Blume auf der Wiese?
    Kant wurde gestört, denn der Rechtsmediziner Bornemann näherte sich. Kant und er kannten sich seit vielen Jahren. Sie kamen gut miteinander aus, doch zu einem Bier oder Wein nach Dienstschluss hatte es nie gereicht.
    Â»Hallo, Doc«, grüßte Kant mit müder Stimme.
    Der Rechtsmediziner drehte eine Runde um die Leiche.
    Â»Ist sie schon fotografiert worden?«, fragte er.
    Â»Alles erledigt.«
    Bornemann betastete die Haut der toten Frau, reckte sich in die Höhe, hob ein Augenlid an und schniefte.
    Â»Wie lange ist sie schon tot?«, fragte Kant.
    Â»Du kennst doch die Antwort – das kann ich erst sagen, wenn ich sie auf dem Tisch habe«, antwortete Bornemann. »Aber lange hängt sie noch nicht hier. Sonst hätten sich Insekten oder Nager über sie hergemacht. Bei dem feuchten und warmen Wetter. Ich schätze, sie ist am vergangenen Abend oder in der Nacht hierhergebracht worden. Vielleicht auch erst im Morgengrauen.«
    Â»Dann liebt der Typ das Risiko«, stellte Kant fest. »Bei den vielen Liebespaaren, die sich hier gewöhnlich tummeln.«
    Â»Vielleicht wusste der Täter das nicht«, entgegnete Bornemann.
    *
    Der Prozess wurde ein Desaster, denn Turner konnte sein Plädoyer nicht halten. Noch im Morgengrauen hatte er an witzigen und geistreichen Formulierungen herumgeschraubt und dann das: Klägerin und Beklagter einigten sich, die Klägerin zog die Klage zurück. Alles sei nur ein Missverständnis gewesen, das am vergangenen Abend geklärt werden konnte. Wahrscheinlich auch noch in der Nacht, die auf den Abend folgte, dachte Turner grimmig. Arm in Arm zogen die beiden Parteien von dannen.
    Kein Artikel in den Zeitungen, kein Interview mit dem jungen, aufstrebenden Rechtsanwalt, kein überhaupt nichts.
    Wenn das so weitergeht, dachte er, mach ich meine Bude dicht. Basta.
    Turner zog den Talar aus und ging in die Gerichtskantine. Sie war gut besucht, weil es sich für viele Kollegen nicht lohnte, zwischen den Terminen ins Büro zu fahren. Fließbandarbeit im Dienste der Gerechtigkeit.
    Der Anwalt stellte sich in die Schlange vor dem Kaffeeautomaten. Vor ihm unterhielten sich zwei Polizisten über den Fund einer weiblichen Leiche zwischen Berghof und Rheinburg.
    Turner verzichtete auf den Kaffee und verließ das Gerichtsgebäude fast fluchtartig. Mit einem flauen Gefühl im Bauch wählte er Majas Handynummer. Keine Antwort.
    Er sah auf die Uhr. Es war noch zu früh für die Kneipe, aber vielleicht hatte er ja Glück. Mit zitternden Fingern wählte er die Nummer des Keep-Out . Nach langen Sekunden meldete sich Roy, dem der Laden

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