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Schlussakt

Schlussakt

Titel: Schlussakt
Autoren: Marcus Imbsweiler
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Prolog
     
    In der Wüste läutete ein Telefon.
    Das ist kein schlechter Anfang für einen Roman, außerdem
stimmte es. Flimmernde Hitze über rostroten Sanddünen, hoch oben das glühende
Sonnenauge, von links drängte eine berittene Gestalt ins Bild. Und das Telefon
läutete. Mir egal, ich achtete nur auf den Reiter. Als er näherkam, sah ich,
dass es sich um eine Reiterin handelte. Sie war barhäuptig, und nicht nur das.
Sie war bar jeglicher Kleidung. Im Prinzip trug sie nichts als ein Lächeln auf
den Lippen. Der Rappe, den sie zwischen ihre Schenkel nahm, hatte wenigstens
sein Geschirr an. Ich war wie geblendet vom Glanz ihrer spiegelglatten Haut.
Nur das Telefon störte.
    »Gleich«, dachte ich. »Einen Moment noch.«
    Dunkel gelocktes Haar wehte im Wüstenwind. Sie ritten in
Zeitlupe: Langsam zog der Rappe seinen Vorderfuß an den Körper, setzte ihn
langsam wieder auf. Und im gleichen sanften Rhythmus hob sich die Hüfte der
Frau vom Pferderücken, glitt behutsam zurück. Hob sich, glitt zurück. Das
Funkeln ihrer Brustwarzen hinterließ zwei parallele Sinuskurven in der Luft.
Ich streckte meine Hand aus, in das Wüstenpanorama hinein, um dem Rappen in die
Zügel zu greifen. Endlich gelang es, ich zog das Tier zu mir heran, kletterte
mühsam auf seinen Rücken, hinter die kleiderlose Dame. Ihre Locken kitzelten
mich in der Nase.
    »Ist das Ihr Telefon, Herr Koller?«, fragte sie. Ihre Haut
glühte.
    »Ich habe kein Telefon«, sagte ich müde und schlang meine
Arme um ihre Taille.
    »Das ist Ihr Telefon, das da läutet.«
    Ich schloss die Augen, lehnte meinen Kopf an ihren warmen
Nacken. Er war so schwer, dieser Kopf, ich fühlte, wie er langsam zur Seite
rutschte, ich konnte ihn nicht halten, hörte die Dame lachen, den Rappen
wiehern, mein Kopf rutschte, die Schultern hinterher … das verdammte Telefon
hörte nicht auf zu läuten, und dann plumpste der Kopf mit allem, was daran
hing, auf den Boden.
    Mühsam rappelte ich mich auf. Der Stuhl, auf dem ich gesessen
hatte, war umgekippt, ich mit ihm, meine gute alte Kamelhaardecke noch über den
Beinen. Der Fernseher lief. Eine leere Flasche Bier rollte langsam über den
Boden und kam mit leisem ›Klack‹ an der Küchentür zum Stillstand.
    Das Telefon läutete.
    Ich schüttelte die Decke
von den Beinen und stand auf. In der Glotze brachten sie einen haarsträubenden
Bericht über einen Gorilla aus dem Heidelberger Zoo, der auf der Flucht
erschossen worden war. Dazu eine orientalisch anmutende Musik. Gorillas leben
nicht in der Wüste. Nackte Reiterinnen auch nicht. Ich ging zum Schreibtisch
und griff nach dem Telefonhörer. Das Freizeichen. Gleichzeitig läutete es immer
noch, irgendwo in meiner Bude. Ich legte den Hörer wieder auf, sah mich suchend
um und fand mein Handy schließlich im Bücherregal. Letzten Sommer, nach meinem
ersten größeren Fall, hatte ich es mir zugelegt.
    »Koller.« Mir fiel ein, dass ich noch nie geritten war.
    »Endlich!«, brüllte jemand, heiser vor Erleichterung. »Ich
dachte schon, du wärst nicht da.«
    »Ich bin da«, sagte ich.
    »Kannst du kommen, Max? Sofort?«
    »Wie, sofort?«
    »Es hat eine Tote gegeben. Hier liegt eine Leiche, verstehst
du? Wir brauchen dich dringend. Es geht um jede Minute.«
    Ich nahm das Handy vom Ohr, blickte es prüfend an, hielt es
wieder ans Ohr. Am Gerät lag es nicht.
    »Hallo?«, sagte ich. »Das bist schon du, Marc, stimmts?«
    »Natürlich bin ich das«, schrie der Anrufer. »Hast du nicht
kapiert? Es muss schnell gehen. Gleich wird die Polizei im Haus sein.«
    Marc Covet. Mein alter Freund, Journalist und Snob in einer
Person, an normalen Tagen die Ruhe selbst, ein Mann, dem es gelingt, jeglichen
Stress in den Tiefen schottischer Whisky-Seen zu versenken. Heute schien kein
normaler Tag zu sein.
    »Um was für eine Tote geht es?«
    »Um Bernds Freundin. Bernd Nagel, du kennst ihn. Verdammt,
Max, wir können nicht ewig quatschen. Tu mir den Gefallen, ich flehe dich an.
Komm, so schnell du kannst. Bevor die Bullen anrücken. Nimm den Haupteingang,
wir warten vor Bernds Zimmer.«
    Mein Blick fiel auf den Fernsehapparat. Die Nachrichtensprecherin
zwinkerte mir zu. Wahrscheinlich amüsierte sie sich prächtig über das Telefonat
eines schlaftrunkenen Privatermittlers, gespielt von Max Koller, mit einem
nicht im Bild befindlichen hysterischen Kumpeldarsteller.
    »Ich könnte schon kommen«, sagte ich. »Wenn du mir noch …«
    »Danke, Max«, rief

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