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Schlussakt

Schlussakt

Titel: Schlussakt
Autoren: Marcus Imbsweiler
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inständig bitten …« Der Musikdirektor
holte tief Luft. Die Beamten, sagte er, sollten die Untersuchungen diskret
führen, auf die Seelenlage der Anwesenden Rücksicht nehmen, die Würde der Toten
wahren, den Ruf seines Hauses nicht gefährden. Er hätte diese Bitten leise
vorbringen können, doch er sprach mit schriller Fistelstimme, damit alle hören
konnten, was für ein eloquenter, verantwortungsbewusster Chef er war.
    »Ja«, beendete der Beamte den Redeschwall und wandte sich ab.
    Seine Mitstreiter leisteten währenddessen ganze Arbeit, an
vorderster Stelle zwei Jungspunde in Zivil. Sie ließen sich vom Hausmeister
Schlüssel geben, um sämtliche Räume öffnen zu können, sondierten die Lage,
trieben zusammen, kommandierten. Schauspieler und Sänger hatten sich im
Tonstudio einzufinden, Orchestermitglieder eine Tür weiter, gegenüber die
sonstigen Angestellten des Theaters und ganz hinten die Opernbesucher. Wer
jetzt noch vor Ort war, hatte den Zeitpunkt zum Rückzug verpasst. Er wurde angeknurrt
und in seine Koppel gescheucht. Es dauerte keine drei Minuten, bis die beiden
Hitzköpfe den Flur freigeräumt hatten. Die reinsten Kettenhunde.
    Marc und ich traten folgsam in den Überaum von vorhin. In
unserem Schlepptau eine einzige Person, ein aufgeregtes Männlein im
Lodenmantel, das sich jammernd auf einen Stuhl fallen ließ, nur um sofort
wieder aufzuspringen und sich zu rechtfertigen.
    »Ich bin rein zufällig hier«, erklärte uns das Männlein.
»Wenn man es Zufall nennen will. Sehen Sie, mich ziehen tragische Ereignisse
an. Magisch ziehen die mich an, und dass das hier ein tragisches … ich meine,
das kann man doch so sagen, oder? Wenn ein Todesfall kein tragisches …« Der
Kleine brach ab und schüttelte trübsinnig den Kopf. »Dann weiß ich auch nicht«,
sagte er leise.
    Marc nickte und setzte sich auf den anderen Stuhl. Ich nahm
auf dem Klavierhocker Platz.
    »Mein Bus«, fuhr das Männchen nach einem Blick zur Armbanduhr
fort, »geht in einer halben Stunde. Nach Waldwimmersbach. Vielleicht lassen sie
mich gleich gehen, wenn sie hören, dass ich nichts … Tragik hat etwas
Faszinierendes für mich, verstehen Sie? Tragische Opern, Wagner, Puccini. Das
zieht mich an. Wobei Mozart ja nun weniger …« Er unterbrach sich, um erneut zur
Uhr zu schauen. »Hoffentlich, hoffentlich«, murmelte er.
    Wir schwiegen. Durch die offene Tür drangen die Stimmen der
beiden Wadenbeißer zu uns. Wir hörten, wie sie die Personalien der Anwesenden
aufnahmen und Kurzverhöre durchführten. Besonders freundlich klangen sie nicht.
Vielleicht hassten sie Musik und Musiker.
    »Und jetzt?«, fragte Covet leise.
    Ich zuckte die Achseln. Für mich gab es nichts mehr zu tun.
Nur noch raus hier, ohne viel Staub aufzuwirbeln.
    »Verstehen Sie das?«, sagte das Männchen, das wieder Platz
genommen hatte. Seine Beine waren so kurz, dass die Füße den Boden nicht
berührten.
    »Was?«, brummte ich.
    »Dass man von Tragik so fasziniert sein kann. Dass sie einen
so packt. Bis man zuletzt einer echten Leiche …« Betreten sah der Kleine auf
seine Füße. Schuhgröße 37, schätzte ich.
    Meine Blicke wanderten über die Klaviertasten. Als ich neun
war, hatte ich ein Jahr lang Unterricht gehabt. Das Einzige, an was ich mich
noch erinnerte, war die Lage des mittleren C auf der Tastatur. Nicht einmal
›Alle meine Entchen‹ würde ich noch hinbekommen.
    Bewegung an der Tür: Bernd Nagel, der bleiche Schönling.
Jeglichen Blickkontakt meidend, trat er ein und zog ein Taschentuch, um sich
den Mund abzutupfen. Mit ihm war einer der beiden scharfen Hunde gekommen. Er
blieb auf der Schwelle stehen und stützte sich mit den Händen am Türrahmen ab.
    »So«, knurrte er zufrieden. »Wen nehmen wir denn jetzt?«
    Der kleine Lodenfreund sprang auf die Füße und bettelte
darum, drangenommen zu werden. Bus nach Waldwimmersbach. Tragischer Blick.
Bitte, bitte, Herr Kommissar.
    Der Polizist sah dem Gezappel eine Weile zu, dann nickte er.
Er war muskulös und braungebrannt und hatte tatsächlich etwas von einem Hund:
dichtes, tiefschwarzes Haar, markante Augenbrauen, darüber eine Stirnpartie aus
gemeißeltem Stein. Ein Rottweiler. Er legte seine dunkel behaarte Hand auf die
Schulter des Kleinen und drängte ihn zur Tür hinaus.
    Eine Weile herrschte Stille im Überaum. Nagel starrte
regungslos in eine Ecke, von seinem Freund besorgt beobachtet. Irgendwann gab
sich Covet einen Ruck, stand auf und

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