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Rosenherz-berbKopie

Titel: Rosenherz-berbKopie
Autoren: Unbekannt
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Jan
Seghers

    Die
Akte Rosenherz

    Roman

    Wunderlich

    In
der Nacht vom 26. auf den 27. Januar 1966 wurde die Prostituierte
Helga Matura in ihrer Wohnung in Frankfurt am Main ermordet. Die
Ermittlungsakten zu diesem Fall waren der Ausgangspunkt für den
vorliegenden Roman. Dennoch sind alle Figuren und Ereignisse frei
erfunden.

    Vielleicht
ist dies nicht die Welt, aber mit ein, zwei kleinen Änderungen
könnte sie es sein. Thomas
Pynchon

    Als
ich geboren wurde Als die Tage Glück waren Als das Leben zerrann Als
der Tod zu mir kam

    Als
ich damals am Tatort ankam und sah, was geschehen war, bereute
ich zum ersten Mal, Polizist geworden zu sein. Niemand, der in der
Kirchnerstraße war, wird den Anblick jemals wieder vergessen.
Es gab hartgesottene Kollegen, die mir erzählten, dass sie noch
Jahre später nachts aus dem Schlaf aufschreckten und das Bild der
Toten vor sich sahen. Es war der Abend eines heißen Tages Anfang
August 1966, als wir in das Haus in der Frankfurter Innenstadt
gerufen wurden. In der Wohnung im dritten Stock hatte man die Leiche
einer Frau entdeckt. Es stellte sich heraus, dass es sich bei dem
Opfer um Karin Niebergall handelte, die aber in Wirklichkeit Karin
Rosenherz hieß. Ihr Körper und ihr Hals waren mit Stichwunden
übersät. Offensichtlich hatte es einen Kampf gegeben. Überall in
der Wohnung fanden wir Blutspuren, an der Tapete, auf den Teppichen,
im Bett, an der Kleidung. Karin Rosenherz war - wie man damals
sagte - eine stadtbekannte Lebedame. Und natürlich brach sofort die
Hölle über uns herein. Alle dachten an den Nitribitt-Mord, der neun
Jahre zuvor geschehen war. Die Ähnlichkeiten waren nicht zu
übersehen - das mondäne Auftreten der Rosenherz, ihr weißer
Mercedes, die gehobene Kundschaft. Aus der gesamten Republik reisten
die Reporter an. Sie quartierten sich in den umliegenden Hotels
ein, versuchten Kolleginnen, Verwandte und Freunde des Opfers
aufzuspüren. Und wie schon im Fall Nitribitt warf man uns auch bei
Karin Rosenherz vor, wir hätten nicht ordentlich ermittelt, wir
hätten Prominente geschont, hätten Verdächtige gedeckt und
Unterlagen verschwinden lassen.
    Aber
all das sind haltlose Unterstellungen. Wir haben den Fall nicht
gelöst, das ist wahr. Aber glauben Sie mir, niemand leidet darunter
mehr als meine Kollegen und ich selbst.

    Aus
einem Zeitungsgespräch mit dem Frankfurter Kriminaloberrat Herbert
M. anlässlich seiner Verabschiedung aus dem Polizeidienst im Februar
1992

    Teil
1

    Lange
Zeit war sie spät schlafen gegangen. Manchmal, nachts, wenn sie
endlich wieder alleine war, lag sie noch wach und dachte: Ich muss
jetzt schlafen. Dann nahm sie ein Buch, las eine Seite oder zwei, bis
ihre Gedanken abschweiften und das eben Gelesene sich vermischte mit
den Dingen, die sie erlebt hatte - gestern, vor ein paar Wochen oder
in ihrer Kindheit. Dann war sie selbst die unglückliche Ehebrecherin
aus ihrem Roman, der kleine Junge, der auf einen Kuss seiner Mutter
wartete, oder eine Schiffsreisende, unter deren Blicken die
Flussufer vorüberglitten wie zwei breite, sich abrollende
Bänder.
    Heute
war Mittwoch, der 3. August des Jahres 1966. Als Karin Niebergall
gegen Mittag langsam erwachte, schien ihr die Sonne durch den Spalt
zwischen den Vorhängen ins Gesicht, und die junge Frau merkte, dass
etwas anders war als sonst. Sie hatte den undeutlichen Eindruck, mit
der Nacht auch ihr altes Leben hinter sich lassen zu müssen. Noch
war sie zu müde, um zu entscheiden, ob sie diesen Gedanken mochte
oder ob sie ihn rasch verwerfen sollte. Sie schaute auf die Uhr,
schloss erneut die Augen und drehte sich auf die andere Seite.
    Erst
als sie hörte, wie einer der jungen Männer aus dem Nachbarhaus
seinen Motorroller auf dem Bürgersteig parkte, stand sie auf, reckte
sich ausgiebig, ging hinüber zum Büfett und schaltete das Radio
ein. Während sie sich im Bad die Zähne putzte, hörte sie, wie
Cliff Richard Rote
Lippen soll man küssen sang.
    Ihr
letzter Kunde war gegen drei Uhr gegangen, hatte aber schon kurz
darauf schnaufend wieder im dunklen Hausflur vor ihrer Wohnung
gestanden und sie gebeten, noch einmal mit hinunterzugehen und ihm
die Eingangstür aufzuschließen. An den Namen des Mannes erinnerte
sie sich nicht mehr. Obwohl sie das Fenster in der Nacht gekippt
hatte, roch es noch immer nach dem Rauch seiner Zigarre.
    Als
sie die Vorhänge öffnete und nunmehr die Straße mit den grünen
Kronen der Bäume, dem bunten Gewimmel der Passanten und den
glänzenden

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