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Palazzo der Liebe

Palazzo der Liebe

Titel: Palazzo der Liebe
Autoren: Lee Wilkinson
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1. KAPITEL
    Für einen Spätnachmittag im Juni war es ungewöhnlich feucht und kühl. Dunkle Wolken zogen über den Himmel, und es sah aus, als finge es jeden Moment zu regnen an.
    Fröstelnd zog Sophia Jordan den grauen Regenmantel fester um sich. Dann nahm sie die prall gefüllte Plastiktasche und machte sich so schnell es ging auf den Weg nach Hause in ihre Erdgeschosswohnung im Roleston Square, Belgravia. Hier hatte sie mit ihrem Vater gewohnt – bis zu dessen Tod vor drei Monaten.
    Der Gedanke an die großen leeren Räume bedrückte sie. Drei Monate voller Trauer und Einsamkeit …
    Verständnis und Trost fand Sophia bei Mrs. Caldwell, der das große Haus gehörte. Gemeinsam mit ihrer Nichte Eva bewohnte Mrs. Caldwell die andere Wohnung im Erdgeschoss.
    „Kommen Sie doch nach der Arbeit zu mir, Liebes“, hatte die von Arthritis gebeugte alte Dame sie an diesem Morgen freundlich eingeladen, als Sophia bei ihr anklopfte, um zu fragen, ob sie etwas für sie einkaufen solle.
    „Obwohl ich Sie bitten müsste, das Kochen zu übernehmen, da Eva heute Abend diesen speziellen Kursus besucht.“
    „Natürlich gern. Gibt es etwas, worauf Sie besonders Appetit haben?“
    Mrs. Caldwell strahlte. „Wäre es sehr unverschämt, wenn ich mir eine Paella wünsche?“
    „Nein, gar nicht.“ Sophia beugte sich nun zu der getigerten Katze hinunter, die ihr um die Beine strich, und streichelte sie.
    „Wundervoll!“, freute sich die alte Dame. „Ich habe keine Paella mehr gegessen, seit Arthur mich damals zu diesem Spanienurlaub überredet hat. Eva mag leider keine Reisgerichte.“
    Sophia lächelte. „Ich liebe Paella! Dann werde ich heute Abend auf dem Rückweg einkaufen und mich zu Ihnen gesellen, sobald ich umgezogen bin.“
    „Und ich sorge dafür, dass der Tisch bis dahin gedeckt ist“, versprach Mrs. Caldwell fröhlich und übergab ihrer Mieterin etwas Geld und eine Einkaufsliste. „Ich freue mich schon auf Ihre Gesellschaft und auf ein frisch zubereitetes Essen.“
    Als ihr Chef David Ranton von Sophias Plänen für den Abend erfuhr, schlug er ihr vor, doch etwas früher zu gehen, um sich nicht so abhetzen zu müssen. David arbeitete als international tätiger Kunsthändler und besaß die renommierte Londoner Galerie A Volonté.
    „Joanna kann für dich einspringen. Du hast mit der Vorbereitung für die Ausstellung deines Vaters ohnehin schon etliche Überstunden gemacht.“
    Sein Leben lang war Peter Jordan ein sehr begabter Freizeitmaler gewesen, und immer wieder hatte sein ältester Freund David versucht, ihn zu überreden, seine Werke einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ohne Erfolg.
    „Ich finde seine Arbeiten wirklich brillant. Schade, dass er sich so konstant geweigert hat, sie auszustellen, obwohl ich ihm immer wieder versucht habe zu erklären, was für eine Inspiration sie für junge Amateurmaler bedeuten würden“
    „Ich denke, er war auf dem Weg, deine Meinung zu teilen – aber leider zu spät“, antwortete Sophia traurig. „Noch wenige Tage vor seinem Tod hat er mit mir darüber gesprochen.“
    „Warum veranstalten wir dann nicht eine Art Gedächtnisausstellung mit seinen Bildern? Wenn wir die Miniaturen dazunehmen, reicht die Menge, um sie auf der oberen Galerie zu präsentieren.“
    Da ihr die Idee gefiel, stimmte Sophia zu und stellte David alle Bilder ihres Vaters zur Verfügung, bis auf eines, das in ihrem Schlafzimmer hing. Das Porträt zeigte einen attraktiven jungen Mann mit hellem Haar und dunklen Augen und einem Mund, der sie mit seiner Mischung aus Askese und Sensibilität schon immer besonders berührt hatte.
    Seit ihrer Kindheit hielt sie das Bildnis gefangen, und während ihrer Teenagerzeit wob Sophia romantische und verwegene Träume um den geheimnisvollen Fremden. Da ihrem Vater diese Faszination nicht verborgen blieb, schenkte er Sophia das Porträt zu ihrem sechzehnten Geburtstag.
    Ihm war es immer nur ums Malen und die Freude an der augenblicklichen Arbeit gegangen. So passierte es häufig, dass er, ohne sein Talent allzu hoch zu bewerten, das fertige Porträt einfach seinem Modell überließ. Was bedeutete, dass er, eingedenk seiner langen Schaffensperiode, ziemlich wenige seiner eigenen Bilder besaß.
    Aber das, was da war, packte David kurz entschlossen einfach ein und nahm es mit in die Galerie. Dort verbrachte Sophia etliche Stunden damit, alles ins rechte Licht zu rücken, einen Katalog anzufertigen und sich um die notwendige Öffentlichkeitsarbeit zu

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