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Onkel ist der Beste

Onkel ist der Beste

Titel: Onkel ist der Beste
Autoren: Mary Scott
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1. Kapitel
     
    Judy lief den Weg zum Tor hinunter und rief ihrer Mutter zu: »Tut mir schrecklich leid, daß ich so spät dran bin. Es hat Ärger mit dem Bullen gegeben. Zum Umziehen habe ich jetzt keine Zeit mehr. Ich möchte Onkel Robert schließlich nicht warten lassen.«
    Dora protestierte energisch: »Aber Liebling, doch nicht in diesen gräßlichen Arbeitshosen!«
    »Ja, ich weiß, aber ich kann es nun mal nicht ändern. Nennen wir die Dinger Jeans, dann klingt es nicht so schäbig. Der Bus ist sicher schon da.«
    Dora Moore stieß einen Seufzer aus und folgte ihrer Tochter ans Tor. Automatisch und, wie sie wußte, völlig vergeblich mahnte sie: »Nur nicht zu schnell, Judy... Diese schrecklichen Kurven...«
    Lachend winkte Judy ihr zu. Terry, der den Wagen aus der Garage gefahren hatte, sagte: »Bring den Onkel bloß nicht um. Das wäre nämlich gar zu verdächtig. >Tod eines Gläubigers< klingt wie ein spannender Krimi. Weißt du überhaupt, wie er aussieht?«
    »Nein, aber bei der Haltestelle wird es kaum viele Leute geben.«
    »Jede Wette, daß er fett und aufgeblasen ist. Ein pensionierter Schulmeister, der sich seit Jahren auf eure Kosten gemästet hat.«
    »Mit unseren Zinsen kann er sich nicht mästen. Er war grundanständig. Na, sehe ich nicht umwerfend aus?«
    »Es geht. Ganz deiner Rolle entsprechend. >Arme Farmerstochter trifft Gläubiger<«
    »Das ist deine Schuld. Du hättest den Bullen nicht hinauslassen dürfen. Und ich war so darauf bedacht, einen guten Eindruck zu machen.«
    Hastig startete sie den Wagen, nahm die abschüssige Auffahrt viel zu schnell und raste über die kleine Brücke, die sich über den Fluß spannte. Terry sah ihr nach. Sein offenes hübsches Gesicht war nachdenklich geworden. Wie mochte der Kerl wohl sein? Für sie alle hing von ihm sehr viel ab, besonders aber für Dora Moore.
    Sie stand jetzt auf der Veranda, an ihrer Seite ein schwarzer Hund von höchst zweifelhafter Abstammung. Sie war eine hochgewachsene, anmutige Frau, die das glatte dunkle Haar schlicht aus dem Gesicht zurückgekämmt und im Nacken zu einem Knoten zusammengesteckt hatte. Wie schon oft, so dachte Terry auch jetzt, daß nur ein Gesicht wie das ihre sich gegen diese Frisur behaupten konnte.
    Mit ihrer sanften Stimme rief sie: »Wir warten mit dem Tee, bis sie kommen. Wenn Judy in diesem Tempo dahinrast, sind sie sicher in einer halben Stunde da.«
    Als Terry fortgegangen war, blieb sie noch eine Weile stehen und sah über den Rasen, der braun und ausgetrocknet unter der Januarhitze dalag. Weiter hinten machte der Fluß eine breite Biegung, nahm dann seine vorherige Richtung wieder ein, glitt geschäftig in seinem steinigen Bett dahin und schoß geräuschvoll unter der Brücke hindurch. »Meine Heimat«, dachte Dora. »Seit über zwanzig Jahren lebe ich nun hier. Ob wir jetzt fort müssen? Ich könnte es ertragen, aber Judy würde das Herz brechen.«
    Kritische Selbstanalysen lagen ihr gar nicht. Sie nahm als selbstverständlich an, daß sie diesen Ort liebe und immer schon geliebt habe. Dora war ein junges Mädchen gewesen, als Dennis Moore sie hierher auf die Farm gebracht hatte, die sie sich mit dem Geld ihres Onkels hatten kaufen können. An jenem Abend, als sie zum erstenmal das langgestreckte, weitläufige Haus sah, das Buschland im Hintergrund, vor dem Haus den Fluß, hatte sie ausgerufen: »Wie schön! Hier werden wir glücklich sein!«
    Und weil sie selbst an das Leben keine Ansprüche stellte, war sie glücklich gewesen oder hatte es sich jedenfalls eingeredet. Nie wäre ihr eingefallen, sich zu fragen, ob sie diese Einöde wirklich liebe und ob sie wirklich an einer Einsamkeit Gefallen finde, für die sie vielleicht gar nicht geschaffen war, an Notlösungen und Härten, die ein Leben, dreißig Meilen von der nächsten Stadt entfernt, damals unweigerlich mit sich brachte. Vor zwanzig Jahren waren die Straßen schlecht gewesen, und sie waren auch heute noch schlecht. Jahrelang hatte sie sich mit Patentlampen und einem Holzofen abgemüht, bis sie endlich elektrischen Strom bekamen. Doch die Einsamkeit war geblieben und auch die Armut.
    Warum nur waren sie so arm? Die Preise waren doch so gut, und allen anderen ging es offensichtlich ausgezeichnet. Dora seufzte. Wenn sie mehr von den Geschäften verstanden hätte, wenn sie bloß tüchtiger gewesen wäre... Vielleicht hätten sich die Dinge dann nicht so ungünstig entwickelt.
    »Ich habe mich jedenfalls redlich bemüht«, sagte sie zu dem Hund

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