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Dolch und Münze (01): Das Drachenschwert (German Edition)

Dolch und Münze (01): Das Drachenschwert (German Edition)

Titel: Dolch und Münze (01): Das Drachenschwert (German Edition)
Autoren: Daniel Hanover
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Prolog
    Der Abtrünnige
    Der Abtrünnige drückte sich in die Schatten des Felsens und betete, ohne sich an eine bestimmte Gottheit zu wenden, dass die Kreaturen, die unter ihm auf Maultieren durch den Pass ritten, nicht aufsehen würden. Seine Hände schmerzten, seine Bein- und Rückenmuskeln zitterten vor Erschöpfung. Im kalten, staubgeschwängerten Wind flatterte der dünne Stoff seiner Zeremonienroben. Er riskierte einen Blick hinab auf den Pfad.
    Die fünf Maultiere hatten angehalten, aber die Priester waren nicht abgestiegen. Ihre Roben waren schwerer, wärmer. Die uralten Schwerter, die ihnen quer über den Rücken hingen, fingen das Licht des Morgens ein und glitzerten in einem giftigen Grün. Drachengeschmiedet waren sie, jene Klingen. Sie brachten jedem den Tod, dessen Haut sie ritzten. Und mit der Zeit würde das Gift sogar die Männer töten, die sie trugen. Umso mehr Grund hatten seine früheren Brüder, dachte der Abtrünnige, ihn schnell zu töten und heimzukehren. Niemand wollte diese Klingen lange tragen; sie wurden nur in einer großen Notlage oder tödlichem Zorn hervorgeholt.
    Nun ja. Zumindest war es schmeichelhaft, wenn man so ernst genommen wurde.
    Der Priester, der den Jagdtrupp anführte, erhob sich im Sattel und blinzelte ins Licht. Der Abtrünnige erkannte die Stimme.
    »Komm heraus, mein Sohn«, rief der Hohepriester. »Du kannst nicht entkommen.«
    Dem Abtrünnigen wurde flau im Magen. Er schob sich nach vorn, war kurz davor hinabzugehen. Dann hielt er inne.
    Vermutlich , sagte er sich. Ich kann vermutlich nicht entkommen. Aber vielleicht doch.
    Auf dem Pfad bewegten sich die Gestalten in den dunklen Roben, wandten sich um und beratschlagten. Er konnte ihre Worte nicht hören. Er wartete, während sein Körper auskühlte und steif wurde. Ein halber Tag schien zu vergehen, während sich die Jäger unter ihm besprachen, obwohl der Sonnenstand am blassblauen Himmel sich kaum änderte. Und dann, von einem Atemzug auf den nächsten, gingen die Maultiere weiter.
    Weil er fürchtete, ein Steinchen ins Rollen zu bringen, das die steilen Klippen hinabkullern würde, wagte er nicht die kleinste Bewegung. Er versuchte, nicht zu grinsen. Langsam ritten die Kreaturen, die einst Menschen gewesen waren, den Pfad zum Ausgang des Tales hinab und folgten dann der weiten Biegung nach Süden. Als der Letzte von ihnen außer Sicht war, stand er auf, die Hände in die Hüften gestemmt, und staunte. Er war noch am Leben. Sie hatten gar nicht gewusst, wo sie ihn suchen mussten.
    Allem zum Trotz, was man ihm beigebracht, was er bis vor kurzem noch geglaubt hatte, offenbarten die Gaben der Spinnengöttin nicht die Wahrheit. Sie verlieh ihren Dienern etwas, ja, aber nicht Wahrheit . Immer mehr schien es, als wäre sein ganzes Leben einem Netzwerk glaubhafter Lügen entsprungen. Er hätte sich verloren fühlen sollen. Verzweifelt. Stattdessen war es, als wäre er aus einem Grab an die frische Luft getreten. Er ertappte sich bei einem Grinsen.
    Das Erklettern des letzten Stücks des westlichen Hangs ermüdete ihn sehr. Er rutschte in seinen Sandalen immer wieder aus und rang um Halt für Finger und Zehen. Aber als die Sonne ihren höchsten Stand erreichte, erreichte er den Grat. Im Westen folgte Berg auf Berg, und große Wolken türmten sich darüber. Bei den fernsten Pässen sah er jedoch, wie das Land ebener wurde. Flacher. Die Ferne verlieh der Ebene eine graublaue Farbe, und der Wind auf dem Berggipfel riss an seiner Haut wie Klauen. Blitze zuckten am Horizont. Und wie zur Antwort kreischte ein Habicht.
    Allein und zu Fuß würde es Wochen dauern. Er hatte nichts zu essen und, schlimmer noch, kein Wasser. Er hatte in den vergangenen fünf Nächten in Höhlen und unter Büschen geschlafen. Seine ehemaligen Brüder und Freunde – die Männer, die er sein ganzes Leben lang gekannt und geliebt hatte – durchkämmten die Wege und Dörfer, wollten seinen Tod. In den höheren Lagen jagten Berglöwen und Grimmwölfe.
    Er fuhr sich mit der Hand durch das dichte, borstige Haar, seufzte und begann mit dem Abstieg. Er würde vermutlich sterben, ehe er die Keshet und eine Stadt erreichte, die groß genug war, um darin untertauchen zu können.
    Aber nur vermutlich .
    Im letzten Licht der untergehenden Sonne fand er einen felsigen Überhang in der Nähe eines schlammigen Bächleins. Er opferte einen Teil des Riemens seiner rechten Sandale, um einen einfachen Feuerbogen zu formen, und als die erbarmungslose Kälte vom Himmel

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