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NOVA Science Fiction Magazin 19 (German Edition)

NOVA Science Fiction Magazin 19 (German Edition)

Titel: NOVA Science Fiction Magazin 19 (German Edition)
Autoren: Unknown
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einer strukturellen Instabilität des Raum-Zeit-Gefüges
verkapselt hat. Das Dorf und das Erdreich, auf dem es stand, wären demnach
immer noch vorhanden, eingeschlossen im Perpetuum Immobile.“
    „Eine
charmante Vorstellung, die verschwundenen Dorfbewohner führten ihr Leben
maßstäblich verkleinert fort“, sagte Helen. „Aber das sind Dinge, die jeder im
Internet nachlesen kann. Was glaubst du ganz persönlich?“
    Er
hob die Arme wie müde gewordene Flügel, ließ die Hände auf die Schenkel fallen.
„Off the record?“
    Helen
nickte.
    „Also,
ich glaube, wir sehen hier etwas, was nicht für unsere Augen und unseren
Verstand bestimmt ist, sozusagen die Folgen eines göttlichen Betriebsunfalls.
Emanationen einer anderen Wirklichkeit, meinetwegen eines anderen Universums.
Isolierte Dimensionspartikel. Dimensionsinterferenzen. Übrigens läuft seit
dreizehn oder vierzehn Jahren ein viel versprechendes Projekt, das die
Stringtheorie mit bestimmten Ähnlichkeitsmengen der Haken verknüpft.“
    „Quatsch.“
    „Wenn
du so willst.“
    Jetzt
hätten sie lachen sollen, doch sie taten es nicht.
    „Warst
du verheiratet?“, fragte Helen unvermittelt.
    „Ja,
hat nicht lange gehalten. Du auch?“
    „Ja,
ich habe den Namen meines Mannes behalten.“
    „Weshalb
bist du hergekommen?“, fragte er.
    „Was
hältst du davon, unsere Lebensgefährten nach draußen zum Spielen zu schicken?
Walküre, würdest du bitte hinausgehen und draußen warten?“
    „Robbie,
du hast gehört, was die Dame gesagt hat …“
    Sie
schauten dem Hund und dem Vogel nach, bis die Tür sich hinter dem ungleichen
Paar geschlossen hatte. Die Stille währte einen Moment zu lange, drohte
peinlich zu werden.
    „Ich
habe ganz vergessen, dir etwas zu trinken anzubieten“, sagte Frank.
    „Ich
will ganz offen sein“, sagte Helen, als hätte sie ihn nicht gehört. „Ich bin
nicht wegen des Interviews hergekommen. Ich wollte dich sehen.“
    „Mich
sehen?“
    „Hast
du manchmal an mich gedacht?“
    „Ja
… hin und wieder. Oft. In letzter Zeit noch öfter. Im Alter wendet man sich
wieder seiner Jugend zu, heißt es.“
    „Ich
habe immer an dich gedacht, ständig. An den Fehler, den wir gemacht haben, als
wir uns getrennt haben. Du warst meine große Liebe. Du bist es immer noch.
Übrigens möchte ich mit dir schlafen, Frank.“
    Er
lachte. Es passierte einfach, er konnte nichts dagegen tun. „Mein Gott, Helen,
das ist dreißig Jahre her. Wir sind alte, gesetzte, vom Leben mehr oder weniger
enttäuschte Leute! Wir hatten unsere Chance, wir haben sie nicht genutzt. Man
kann die Uhr nicht zurückdrehen. Punkt.“
    „Doch,
man kann.“ Sie öffnete die Handtasche, holte ein indianisches Amulett heraus,
legte es auf den Besuchertisch und ließ es aufschnappen. Darin lagen zwei
eingeschweißte Tabletten.
    „Hör
mir zu Frank. Ich bin krank. Ich habe nicht mehr lange zu leben. Aber ich habe
diesen Wunsch, meinen letzten, innigsten Wunsch, den Fehler meines Lebens
wiedergutzumachen, und sei es nur symbolisch. Deshalb habe ich die Mnemopillen
besorgt, eine für dich, eine für mich. Tust du mir den Gefallen? Um unserer
alten Liebe willen?“
     
    Mückenschwärme
tanzten im Mondschein über dem namenlosen See, der in den schütteren Wald
eingebettet war wie ein dunkles, geheimnisvolles Juwel. Die Ausdünstung des
Mückenmittels, das sie im Dorfladen gekauft hatten, stieg ihm in die Nase und
mischte sich mit Helens Duft auf seiner Haut und dem würzigen Geruch der
Nadelbäume. Splitternackt näherte er sich dem Ufer, bei jedem Schritt grub er
die Zehen in den weichen, feuchten Untergrund. Sterne und Mond spiegelten sich
im fast unbewegten Wasser, das Bewusstsein der Weite war überwältigend. Er war
jung, verliebt, unsterblich. Das Zelt hinter sich zu wissen, diesen winzigen
Raum in der schieren Unermesslichkeit der Nacht, in dem die Frau wartete, seine
Frau, erfüllte ihn mit einem solchen Glück, dass ihm Tränen in die Augen
traten.
    Kühles
Wasser schwappte an seine Zehen. Lächelnd wischte er die Tränen weg und
betrachtete die Schwäne, die in Ufernähe schliefen, den Kopf unters Gefieder
gesteckt. Es waren weiße Singschwäne, normalerweise ausgesprochen scheue Tiere.
    „Hol
die Kamera raus“, flüsterte er Richtung Zelt.
    „Es
ist zu dunkel“, antwortete Helen aus der kerzenerhellten Höhlung.
    „Versuch's
einfach mal. Das ist wunderschön.“ Eine Weile hörte er Helen rumoren, dann
sagte sie: „Hörst du das?“
    Er
wandte den Kopf.

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