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Neobooks - Transalp 6

Neobooks - Transalp 6

Titel: Neobooks - Transalp 6
Autoren: Marc Ritter , CUS
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    Buch 6
    Schrofenalm, 12. Mai 1945, 23.52 Uhr
    C hristina Gerdens ging nur nachts. Zu viele Männer waren am Tag unterwegs. Mehr, als sie sich jemals hätte vorstellen können. Darum hatte sie die Route über die Berge eigentlich gewählt. Weil sie sich dort alleine wähnte. Doch auf den Steigen und Pfaden in Richtung Süden herrschte reger Verkehr. Überall Männer, von denen sie nicht wusste, was sie tun, was sie ihr antun würden. Ehemalige Zwangsarbeiter auf dem Weg nach irgendwo. Deserteure, die der Lage immer noch nicht trauten und nicht wagten, einfach nach Hause zu gehen. Soldaten aus fremden Ländern. Sie hatte am Tag zuvor, als sie das Inntal kreuzte, in Schwaz zum ersten Mal seit den Olympischen Spielen 1936 einen schwarzen Menschen gesehen. Auf einem Panzer sitzend, rauchend.
    Gerdens hatte die Nachricht von der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands vernommen, als sie sich gerade durch Innsbruck schlich. Die Radios plärrten die Nachricht im Viertelstundentakt. Die Lautsprecherwagen der Amerikaner verkündeten das Ende des Krieges und forderten die Bevölkerung auf, sich ruhig zu verhalten. Niemand jubelte in der Hauptstadt Tirols. Das war vor sieben Jahren anders gewesen, als Österreich an das Reich angeschlossen wurde. Aber das war jetzt alles nicht mehr wichtig. Es würde sich kein Innsbrucker mehr gerne daran erinnern. Und wahrscheinlich würden die sie als Reichsdeutsche an die Amerikaner ausliefern, wenn sie aufgegriffen würde. Und was wäre dann? Was würden die fremden Soldaten aus ihrem Gepäck schlussfolgern? Was mit ihr passieren würde, war ihr fast gleichgültig. Sie würden sie als Spionin verhaften. Exekutieren? Wichtiger war ihr, was mit den wertvollen Dingen in ihrem Gepäck passieren würde. Mit dem Brief? Mit den Brillanten? Die Brillanten wären das kleinere Problem. Die wären dann eben weg. Auch, wenn das schlimm wäre. Dann würden eben andere Geldquellen beim Wiederaufbau der Bewegung aufgetan. Es gab ja genug Geld. Im Ausland. Und es waren ja nicht alle Parteigenossen von der Fahne gegangen. Die meisten hatten sich andere Papiere besorgt, hatten die Bewegung verleumdet und verraten. Doch es gab noch aufrechte Kämpfer, redete sie sich ein. Die, die sich sofort daranmachen würden, die Partei und mit ihr die Bewegung neu zu formen. Für diese Kämpfer tat sie das alles. Für diese Getreuen, für die Bewegung und: für ihn, den Führer. Der Brief mit seinem Vermächtnis musste sein Ziel erreichen. Und die Brillanten auch. Gemeinsam waren sie Ei und Samenzelle für eine neue Bewegung.
    Wie es wohl Mainhardt ging? Er hatte sie auserwählt, der Bewegung neues Leben einzuhauchen. Sie hoffte, dass er aus Berlin rechtzeitig herausgekommen war. Hatte er es bis zum Berghof geschafft? Was war dort geschehen? Hatten sie ihn halten können? Oder lag er in Schutt und Asche? Wie und wo sollte sie ihren Verlobten jemals wieder treffen?
    Doch diese Gedanken mussten hintanstehen. Sie musste weiter. Sie hatte ein Ziel. Wie lange sie brauchte, um es zu erreichen, spielte keine Rolle. Nur erreichen musste sie es. Nachts unterwegs zu sein war allemal sicherer. Nachts rechnete sie nur mit Wilddieben. Zwar wollte sie auch mit denen nichts zu tun haben. Aber die Wilderer, so ihre Überlegung, spielten selbst ein Versteckspiel. Die würden sich nicht verraten wegen einer Frau, die da des Weges kam. Außerdem: Irgendwann musste sie ja Meter und Kilometer machen. Sie kam sowieso viel langsamer voran, als sie vorgehabt hatte. Doch Sicherheit ging vor Schnelligkeit.
    Die Schrofenalm lag vor ihr im Mondlicht. Sie schlich sich über das Gelände des in dieser Bergregion unwirklich scheinenden Magnesitbergwerks und hoffte, dass niemand sie sah. Das Bergwerk war immer noch in Betrieb. Die verbliebenen Arbeiter schliefen in den Baracken. Jederzeit konnte jemand auf den Hof hinaustreten und sie entdecken. Doch dieses Risiko musste sie eingehen. Denn nirgends konnte sie sich so leicht mit Proviant versorgen wie hier. Sie brach die Hintertüre der Kantine mit einem Eisenstück auf, das sie aufgelesen hatte. Sie fand das Magazin. Dann stopfte sie sich den Rucksack mit den abgepackten Fettstücken, Zucker und Brot voll. Sie staunte, was es an diesem Ort an Vorräten gab. Doch das war eben ein kriegswichtiger Betrieb. Sie konnte die Last kaum auf ihre Schultern heben, doch als sie dort saß, wusste sie, dass sie es schaffen würde, über die hohen Berge zu kommen. Notfalls könnte sie etwas davon gegen

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