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Die Hexenadvokatin

Die Hexenadvokatin

Titel: Die Hexenadvokatin
Autoren: Karla Weigand
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PROLOG, ERSTER TEIL
    3. Mai 1603, im Kloster Santa Caterina
     
    »GOTT VERZEIH MIR, Ehrwürdige Mutter! Ich weiß nicht, wie das geschehen ist! Glaubt mir um Gottes willen, Herrin, es war nicht meine Schuld! Wie konnte ich denn ahnen, dass der junge Herr … und das edle Fräulein …«
    Verzweifelt rang der vor Donna Clara Maria di Ruspoli-Mirandola auf die Knie sinkende Klosterknecht Giorgio Friuli die Hände. Es war etwa eine Stunde nach Mitternacht und die Nonnen schliefen - hoffentlich - tief und fest in ihren Zellen, während die Novizinnen im großen Dormitorium schlummerten.
    In aller Heimlichkeit hatte sich Giorgio durch die finsteren Gänge des Klosters Santa Caterina geschlichen. Das Gebäude lag idyllisch am Flüsschen Reno außerhalb Bolognas auf einem Bergplateau im Appennino Tosco-Emiliano. Zaghaft hatte er an die Tür des Gemachs der Äbtissin gepocht. Zum Glück war die resolute Leiterin des Klosters noch wach.
    Erstaunt legte sie ihre Lektüre beiseite - ein Buch über die Indianer Nordamerikas und ihre schwierige Missionierung durch französische Jesuitenpatres -, erhob sich aus ihrem Lehnstuhl und schritt zur Tür.
    »Was willst du denn noch um diese Zeit, Giorgio? Was ist geschehen?« Donna Clara Maria war unangenehm berührt. Nach Sonnenuntergang hatte sich kein Mann mehr - mit Ausnahme des Beichtvaters - in dem Wohntrakt der frommen Frauen aufzuhalten.

    Doch sie ahnte bereits, warum er sie so spät noch aufsuchte: Am Nachmittag hatte sie dem Burschen einen Auftrag erteilt, von dem sie eigentlich annahm, dass ihn der junge, kräftige, im Allgemeinen anstellige Giorgio diskret und zuverlässig auszuführen imstande sei. So viel Verstand hatte sie ihm durchaus zugetraut …
    Dass er sich jetzt auf dem zugigen Korridor vor ihrer Zelle herumdrückte und wirre, unzusammenhängende Sätze stammelte, irritierte die etwa vierzigjährige Edeldame im schwarzen Habit der Benediktinerinnen sehr.
    »Wenn ich dich so ansehe, Giorgio, muss ich annehmen, dass etwas schiefgelaufen ist«, murmelte die Äbtissin unwillig und musterte verstimmt den zerzausten Burschen. »Komm herein und schließe die Tür hinter dir«, befahl sie kurz und trat zurück.
    Friuli der Jüngere - bereits sein Vater war unfreier Knecht im Kloster gewesen - tat, wie ihm geheißen. Auf Zehenspitzen näherte er sich seiner Herrin und senkte demütig den Kopf - was bei seiner Bärenstatur reichlich merkwürdig aussah.
    »Sei so gut und rede endlich«, herrschte ihn die Äbtissin an und ließ sich in ihrem Lehnstuhl nieder. Im Schein des dreiflammigen Kerzenleuchters wurde offenkundig, wie es in dem derben Gesicht des Knechts arbeitete. Nichts war mehr übrig von seiner üblichen, bäuerlichen Schlitzohrigkeit. Dicke Schweißtropfen hatten sich auf der niedrigen Stirn des vierundzwanzigjährigen Faktotums gebildet.
    Giorgio fasste sich ein Herz und begann zu erzählen. Aber dies in einem Dialekt, den die Äbtissin - eine Dame aus hochadeliger Familie, mit bester Erziehung und umfassender Bildung - kaum verstehen konnte. Lediglich die Worte »junger Edelmann«, »Fräulein«, »Turm«, »Kampf«, »Sturz«, »tot« und »nicht schuldig« glaubte Donna Clara Maria herauszuhören.

    Wie von der Tarantel gestochen, fuhr sie aus ihrem Sessel auf und auf den unglücklichen Giorgio los.
    »Was soll das heißen, du Unglücksrabe?«
    Die Äbtissin kreischte beinahe; aber sogleich besann sie sich und starrte mit erzwungener Ruhe ihrem Untergebenen - den sie schließlich selbst für diesen heiklen Auftrag ausgesucht hatte - ins Gesicht. Sie zwang ihn damit, ihr ebenfalls in die Augen zu sehen. Zorn und Gereiztheit halfen ihr jetzt wohl am wenigsten. Sie bemühte sich um einen normalen Tonfall.
    »Habe ich dich eben richtig verstanden, Bursche? Die beiden sind tot? Um Jesu Christi willen, Kerl, sag mir, dass das nicht wahr ist.«
    »Doch, Herrin! Leider. Aber ich kann nichts dafür, ich bin unschuldig«, wiederholte monoton der Knecht.
    »Wie hat sich das Ganze zugetragen? Du solltest dem jungen Herrn doch nur auflauern und ihn daran hindern, mit der Novizin Kontakt aufzunehmen. Falls er sich geweigert hätte zu gehen oder dich gar angegriffen hätte - und nur in diesem Falle -, habe ich dir erlaubt, ihm eine Lektion mit der Hundepeitsche zu erteilen. Aber, bei allen Heiligen, du durftest ihn doch nicht totschlagen, Kerl!«
    »Das habe ich auch nicht, Ehrwürdige Mutter, das habe ich nicht«, beteuerte der Knecht verzweifelt und knetete seine speckige

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