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Kommt ein Mann ins Zimmer (German Edition)

Kommt ein Mann ins Zimmer (German Edition)

Titel: Kommt ein Mann ins Zimmer (German Edition)
Autoren: Nicole Krauss
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G IRLS GIRLS GIRLS steht auf einem Schild am Maschendrahtzaun, und wir pfeifen und johlen, als der Bus vorbeirauscht, eine Staubwolke in der Mulde hinterlassend. Eine aufsässige schwarze Fliege dröhnt gegen das Fenster, und jemand versucht sie mit einer Zigarette zu versengen. Endlos ziehen sich die Beifußstoppeln hin, und Kohler sagt, du wärst noch keinen Tag tot, dann hätten die Kojoten dich schon blank geputzt. Kurz bevor wir Pendleton verließen, hat Kohler sich noch ein Tattoo geholt, ein Mädchen, das zappelt, wenn er die Muskeln spielen lässt, und zum sechsten oder siebten Mal heute krempelt er den Ärmel hoch.
    An einem Straßenschild mit der Aufschrift 100 Meilen bis Las Vegas geht das Grölen wieder los, und hinausgelehnt trommeln wir dem Bus auf die Flanken, bis das Asphaltband sich in der Ferne entwindet. Einer sagt, er habe gehört, beim ersten Versuch, der über dem Bikini-Atoll gezündet wurde, habe ein Bild von Rita Hayworth an der Bombe geklebt, und das bringt ein paar Lacher ein. Kohler, der Vegas kennt, erzählt vom Desert Inn, wie wir an unserem freien Abend dort hingehen, an Geldautomaten spielen, Shirley Jones sehen werden.
    Um 15 Uhr 13 fahren wir langsam in Desert Rock ein, recken uns und joggen eine Runde über den Makadam, um die steifen Glieder zu lockern. Es hat knapp 45 Grad, jene Art Hitze, die einem den Kopf platzen lässt. Der Schauer einer fernen Regenwolke verdunstet hoch oben in der Luft, ehe je ein Tropfen auf die Wüste fällt.
    Wir bekommen frische Drillichuniformen ausgehändigt, und danach gibt es vorerst keine Pflichten, also suchen wir uns ein Schattenfleckchen und sehen zu, wie ein paar Jungs auf Erkundung gehen, ein abgerissener Haufen, rangelnd und scherzend, bis sie Krater suchend aus dem Blickfeld verschwinden.
    In der Nacht ist der Himmel reine Astronomie.
    Tagelang tun wir nichts als warten, vertreiben uns die Zeit, indem wir schlafen oder auf dem rissigen Wüstenboden Echsen jagen. Wir leben auf dem Grund eines ausgetrockneten Sees, schreibt jemand nach Hause, es gibt Fossilien, die das beweisen. Wir unternehmen eine Fahrt zu einer Geisterstadt beim Death Valley, bleiben an der einzigen Kreuzung dort stehen und liefern uns Duelle mit zu Pistolen geformten Fingern. Hin und wieder lässt jemand eine verkratzte Aufnahme von Johnny Mathis oder Elvis über die Lautsprecheranlage laufen. Wir trinken, damit unser Blut nicht stockt, Wasser bei Tage, Bier in der Nacht. Wir schauen dem Mädchen beim Zappeltanz auf Kohlers Bizeps zu. Der Wind bläst beständig in die falsche Richtung, ein seltsamer Wind, der uns fertig macht und rastlos Staub aufwirbelt. Wir essen mit Sand zwischen den Zähnen. Als der Wind sich schließlich dreht, kommen Ansagen durch, die Zündung finde um 6 Uhr 30 statt. Um 4 Uhr stehen wir auf.
    Die Versuchsbomben sind nach Wissenschaftlern oder Bergen benannt, außer der, um deretwillen wir gekommen sind, Priscilla, die an einem Heliumballon gut 200 Meter über dem Boden schwebt. Eine Sondermeldung warnt die Zivilbevölkerung vor Netzhautschäden durch den Anblick des Feuerballs auf eine Entfernung von über hundert Kilometern, doch die Bergarbeiter klettern trotzdem auf den Angel’s Peak, als wäre es der Vierte Juli.
    Wir fahren die 50 Kilometer bis Frenchman Flat hinten auf Militärlastwagen, jeder mit einer angesteckten Messplakette, noch in beruhigendem Blau. Zweitausend Meter vom Bodennullpunkt entfernt halten die Laster an, und wir stolpern halb schlafend hinunter, steigen in die Gräben, bis wir auf Augenhöhe mit dem Wüstenboden sind. Tausend von uns sind so gut wie nichts auf dieser endlosen Fläche, wie Ameisen von oben betrachtet, etwas kaum Ungewöhnliches, keine Spezies, nur ein kleines Gewusel, das sich selbst nicht als geschichtliches Ereignis begreift. Wir sind jetzt fast durchweg still, lauschen den Kojoten und dem Knacken der Wüste, bis die Lautsprecher anfangen, Befehle durch die weichende Dunkelheit zu brüllen. Später wurden einige von uns nach Vietnam geschickt, wo wir uns schwitzend, mit entzündeter, verpilzter Haut in den von Spinnen wimmelnden Zelten an das hier erinnern sollten, wie einfach es war.
    Während wir warten, rollt eine Karawane Lastwagen mit dem verängstigten Gedränge lebender Tiere heran. Tausend Meter vor uns sehen wir, wie neunhundert Schweine herausgestoßen und in Löchern oder Pferchen zusammengetrieben werden. Einige Schweine tragen gefütterte Kampfjacken, brandneu, die auf ihre

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