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Wir schaffen es gemeinsam

Wir schaffen es gemeinsam

Titel: Wir schaffen es gemeinsam
Autoren: Berte Bratt
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Ein denkwürdiger Kaffeeklatsch
     
     
    Wir diskutierten, daß die Fetzen flogen. Sogar die fromme, kleine Margrethe, die „Prächtige“ in unserem Klub, wurde rot vor Eifer. Wir waren heute alle sechs zum Klubabend gekommen, sogar Yvonne, die sonst immer durch Abwesenheit glänzte. Doch merkwürdigerweise sagte sie am wenigsten. Obwohl sie die einzige war, die eine berechtigte Meinung haben konnte.
    Wie wir auf das Thema gekommen waren, weiß ich nicht mehr. Irgendeine machte wohl eine Bemerkung, und dann gab ein Wort das andere. Plötzlich erfüllte uns alle die brennende Frage: Kann ein junges Mädchen ohne fachliche Ausbildung, lediglich mit allgemeinem gesundem Menschenverstand und einiger Energie so viel verdienen, daß es sich ohne feste Anstellung allein durchbringen kann?
    „Als Köchin oder Hausmädchen vielleicht“, sagte Nini. „Dann braucht man für das Essen und die Wohnung nichts extra auszugeben.“
    „Köchin – nun hör aber auf!“ rief Liese. „Eine richtige Köchin braucht weiß Gott eine fachliche Ausbildung. Außerdem hat man ja eine feste Anstellung, wenn man im Haushalt tätig ist. Nein, Bedingungen: keinerlei Ausbildung, kein Betriebskapital, keine feste Anstellung!“
    „Was meinst du mit ,keinerlei Ausbildung’?“ fragte Gertie.
    „Daß man keine spezielle Arbeit gelernt hat. Daß man weder Maschineschreiben noch Steno, weder Massage noch Kinderpflege oder…“
    „Also, daß man nur die gewöhnliche Schulausbildung hat?“
    „Eben. Meinetwegen können wir sagen, man hat das Abitur. Das haben wir alle sechs. Wer von uns würde es auf sich nehmen, sich ab morgen allein zu versorgen? Wohlgemerkt, ohne einen hilfsbereiten Onkel, ohne einen Geschäftsfreund von Papa, kurz gesagt, ganz ohne Protektion?“
    „Man könnte wohl eine Arbeit als Verkäuferin bekommen…“, überlegte Margrethe.
    „Denkste! Als ob man dazu nicht eine Ausbildung braucht! Ja, du kannst vielleicht als Lehrling anfangen. Aber wer kann vom Lehrlingsgeld leben?“
    Für eine Minute schwiegen wir alle. Gertie goß Kaffee ein und reichte die Tortenplatte in die Runde.
    „Wieviel müßte man eigentlich im Monat verdienen, um leben zu können?“ fragte ich. „Man kann sich besser äußern, wenn man genaue Zahlen hat, an die man sich halten kann.“
    „Achtzehnhundert Kronen“, sagte Nini ohne Besinnen.
    „Ich meine: die unbedingte Mindestgrenze!“ schränkte ich ein. „Es ist klar, daß man sich auch mit weniger Geld am Leben erhalten kann.“
    „Eine Kollegin von mir lebte in Deutschland für 325 Mark“, sagte Yvonne. „Das entspricht siebenhundert Kronen. Damit kommt man auch hier aus.“ Fünfstimmiger Protest.
    „Halt!“ rief Liese. „Yvonne ist die einzige von uns, die Erfahrungen hat. Yvonne hat das Wort!“
    „Erfahrungen… na ja…“ Yvonne dehnte die Worte. „Ich habe immerhin meine fachliche Ausbildung als Malerin.“
    „Du hast aber Erfahrungen, wieviel man monatlich unbedingt zum Leben braucht! Du bringst dich doch als einzige von uns allein durch.“
    „Ja. Und ich wiederhole: siebenhundert Kronen. Man kann mit weniger auskommen, aber dann muß man das Mittagessen streichen, alle Bekannten abends um die Essenszeit besuchen und Zeitungspapier in die Schuhe stopfen, wenn man anfängt, auf der bloßen Heimaterde zu laufen.“
    Nini starrte auf ihre feudalen neuen Schuhe. Das mit dem Zeitungspapier hatte sie anscheinend tief beeindruckt.
    „Ich mußte in Italien auch schon mit weniger auskommen, aber dort ist auch der Lebensstandard ein anderer.“ Yvonne machte eine Kunstpause. „Auf jeden Fall: Wer weniger als siebenhundert Kronen hat, ist sehr bitter dran!“
    Yvonne streifte die Asche von der Zigarette und sagte nichts mehr.
    Wir kannten zwar Yvonnes Schicksal, aber wir hatten uns die Einzelheiten wohl nie so richtig vorgestellt. Jetzt dachten wir sicher dasselbe, Nini und ich.
    Yvonne ist nicht auf den Kopf gefallen. Sie machte mit achtzehn ihr Abitur. Dann wollte sie Malerin werden. Davon wollte der Vater aber nichts wissen. Yvonne ließ nicht locker. Da Papa nicht helfen wollte, ging sie nach Paris, zu ihrer französischen Mutter. Ihre Eltern waren seit Jahren geschieden – das norwegische Klima und ihr norwegischer Gatte schienen für die Mama zu hart gewesen zu sein.
    Yvonne brachte ihr Sparkassenbuch an sich, hob die paar tausend Kronen ab und fuhr nach Paris.
    Nach allerlei Mühen stöberte sie „Yvonne senior“ – ihre Mutter – auf. Sie kam

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