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In einer regnerischen Nacht: Roman (German Edition)

In einer regnerischen Nacht: Roman (German Edition)

Titel: In einer regnerischen Nacht: Roman (German Edition)
Autoren: Jodi Picoult
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Prolog
     
    Nachdem sie all die Gegenstände, die ihre gemeinsame Geschichte ausmachten, in Whiskeykartons verpackt hatte, wurde das Haus ein durch und durch weiblicher Ort. Die Hände in die Hüften gestemmt, stand sie da und begutachtete stoisch die kahlen Stellen, wo sich früher die alten Untersetzer mit dem Emblem der Boston Celtics, das Angelzubehör, das alte Dartbrett aus einem schottischen Pub, die Werkzeugkiste und die Skier, die gemusterten Seidenkrawatten breitgemacht hatten, die nun auf dem Grund einer Schachtel ein Nest von Schlangen bildeten. Ohne diese Dinge kamen die grobgehäkelten Vorhänge, die Vase mit den gähnenden Krokussen und ein Petit-point-Kissen viel besser zur Geltung. Gut, das Interieur sah jetzt aus wie aus einer Haus-und-Garten-Zeitschrift, aber damit hatte sie gerechnet.
    Sie packte die mit ihren Namen handbeschrifteten Kaffeebecher und die Videokamera weg, die sie zu ihrem letzten Hochzeitstag gekauft hatten, genauso wie das gerahmte Sticktuch, das irgend jemand als Andenken an ihre Hochzeit gefertigt hatte. Sorgsam nahm sie den Rahmen des großen Messingbettes auseinander und schleifte die Einzelteile ins Wohnzimmer, so daß nur noch eine dicke, schweigende Matratze übrigblieb.
    Sie dankte Gott und der Mutter Natur dafür, daß der Tag für die Jahreszeit so warm war. Wenn in den Niederungen des Januars das Thermometer auf zehn Grad über Null stieg, kamen die Menschen aus ihren Häusern, und je mehr Menschen sich nach draußen wagten, desto mehr von ihnen würden zu ihrem Flohmarkt kommen. Sie schleppte die Kartons nach draußen, kippte sie um und baute den Inhalt auf den Pappen auf. Dann zog sie eine Leine zwischen den beiden Ulmen vor dem Haus und hängte säuberlich seine Kleider daran auf, selbst seine Ersatz- und seine Ausgehuniform. Seine Kommodenschubladen wurden ausgeleert und der Inhalt in kleinere Kartons sortiert: Socken, zehn Paar zu fünfzig Cent; Sweatshirts, zwei für einen Dollar. Das Bett baute sie hinter ihrem Klappstuhl auf, wo sie es nicht zu sehen brauchte.
    Sie machte einen letzten schnellen Rundgang durch die Räume, da sich draußen bereits neugierige Nachbarn drängten. Die Wände waren seiner Ahnen-Memorabilien entkleidet. Jetzt, wo sein alter Ledersessel draußen vor den Azaleen stand, wirkte das Wohnzimmer leer. Alles in allem sah das Haus fast so aus wie ihre Wohnung vor acht Jahren, bevor sie ihn kennengelernt hatte.
    Ein einziger Restgegenstand erinnerte noch an ihn. Es handelte sich um das Glasbild, die Narzissen vor dem blauen Hintergrund, das er ihr erst vor wenigen Monaten geschenkt hatte. In der Schlafzimmertür blieb sie stehen und beobachtete, wie die Sonne es durchdrang und Farben und Muster auf die Matratze projizierte. Als er es ihr geschenkt hatte, hatte sie es gegen das Licht gehalten, hin und her gedreht, bis er seine Hände auf ihre legte und sie so zur Ruhe zwang. »Vorsicht«, hatte er gesagt, »das ist ein heikles Ding. Siehst du, wie weich das Blei ist? Es verbiegt sich – und kann brechen.«
    Sie wunderte sich, daß sie den Wortwechsel damals nicht so wahrgenommen hatte wie heute: als schrille Warnung aus weiter Ferne. Statt dessen hatte sie ihn nur angelächelt, freundlich genickt und geantwortet, daß ihr das bewußt sei; daß sie, natürlich, verstehe.
    Als sie sich umblickte, überschlug sie schnell, was verkauft und was noch übrig war. Beim letzten Zählen hatte die Kassette in ihrem Schoß über siebenhundert Dollar enthalten; sie glaubte ohne weiteres, daß der halbe Ort, wenn nicht zum Kaufen, so doch zum Stöbern vorbeigeschaut hatte. Die Angelrute und die Bambusrute zum Fliegenfischen, die noch von seinem Großvater stammte, gingen als erste weg. Alle seine Hosen desgleichen. Die Leiterin des Kindergartens hatte sämtliche Uniformen gekauft, weil die Vierjährigen so gern Polizist spielten, und wäre das nicht eine wunderbare Ergänzung für die Verkleidungsecke?
    Nur seine Boxershorts lagen noch da – wahrscheinlich würde sie die zur Altkleidersammlung geben müssen –, sowie ein Stapel Reisemagazine, die sie ganz zufällig hinter seiner Bandsäge entdeckt hatte. Guter Dinge erhob sie sich, packte den Stapel und trug ihn zur Einfahrt. Das oberste Heft – blauer Ozean, weißer Strand, »Die zweihundert besten Hotels in der Karibik« – reichte sie einem Mann mit einem kleinen Mädchen an der Hand. »Danke, daß Sie vorbeigeschaut haben«, sagte sie und hielt ihm dabei das Magazin hin wie ein Theaterprogramm oder

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