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Ich übe für den Himmel

Ich übe für den Himmel

Titel: Ich übe für den Himmel
Autoren: Patmos
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Eins
    In unserer Familie ist alles ein bisschen anders als bei den meisten Leuten. Wir lieben das Durcheinander, das Schiefe, das Krumme, das Kunterbunte. Wir mögen es, wenn wir die Welt auf den Kopf stellen.
    Denn meine Mama ist von Beruf ein richtiger Clown, sie heißt Nina und wenn sie arbeitet, wird sie Mamamoma genannt.
    Mein Papa ist auch Clown, er heißt Bodo und als Clown Papapipo .
    Und ich? Ich bin noch kein Clown, heiße Isha, bin elf Jahre alt. Irgendwann werde ich aber ganz bestimmt auch den gleichen Beruf haben. Clown! Ich übe schon dafür.
    Meine dicken roten Haare lassen sich kaum kämmen, meine Augen sind grasgrün und am ganzen Körper sprießen Sommersprossen. Die habe ich von Mama geerbt. Für mein Alter bin ich zu lang und zu dürr, das habe ich vom Papa.
    Mein knuffiger, sommersprossenloser Bruder mit seinem strohblonden Haardach ist eine gelungene Mischung aus beiden. Er weiß noch nicht, was er werden will. Er ist sechs Jahre alt, da hat man noch nicht so den Berufs-Durchblick, glaube ich.
    Wir wohnen in einem alten, windschiefen, weiß getünchten Häuschen mit sieben winzigen Zimmern und einem kleinen Garten, in dem alles kreuz und quer wächst und blüht.
    Und drinnen sieht’s bei uns auch anders aus als bei den meisten Familien.
    1. Wir haben kein Wohnzimmer.
    2. Wir haben keinen Fernseher.
    3. Wir haben keinen Computer.
    4. Wir haben kein Auto.
    5. Wir haben nur ganz wenige Möbel.
    Zu 1: In allen Zimmern kann man bei uns wohnen.
    Zu 2: Opa und Oma haben eine Glotze.
    Zu 3: In der Schule gibt es genug Computer.
    Zu 4: Wir haben Tante Antje. Aber davon später.
    Zu 5: Dafür haben wir uns.
    Ein Zimmer gehört Mama und Papa. Dort stehen zwei große, sehr alte Schatztruhen.
    Ein Zimmer gehört meinem Bruder. Dort steht eine kleine Schatztruhe.
    Ein Zimmer gehört mir. Dort steht ebenfalls eine Schatztruhe. Eine, die nicht sehr groß, aber auch nicht sehr klein ist. Sollte jemand den Deckel dieser Schatztruhe ohne meine Erlaubnis öffnen, findet er sofort einen großen Zettel, auf dem geschrieben steht:
    Wer ungefragt meine geheimen Schätze auch nur versucht anzufassen oder zu lesen, kriegt es mit mir zu tun. Meine Rache ist nicht von Pappe! Ich kann euch garantiert verwandeln, in einen blöden, blauen Gartenzwerg zum Beispiel, der immer draußen stehen muss, auch im Regen und bei Eiseskälte! Oder in einen fetten Weihnachtskarpfen, der garantiert auf dem Teller landet. Also lasst besser die Finger davon! Für die Folgen stehe ich nicht ein! Isha

    Ich verrate noch nicht, was alles in meiner Schatztruhe steckt. So viel gebe ich nur preis: Es gibt darin Notizbücher mit geheimen Gedanken. Allerdings in Geheimschrift und mit unsichtbarer Tinte geschrieben.
    Alle vier Truhen stammen aus Papas Familie, die seit vielen Generationen an der Elbe wohnt. Die Schatzkisten waren mal Vorrats- und Aussteuertruhen. Jetzt liegen bunte Schätze in ihnen. Mama und Papa brauchen sie für ihren Beruf, aber unten – unter diesen bunten Schätzen – werden Erinnerungen aufgehoben. Zum Beispiel Haarlocken, Milchzähne, Babyschuhe, alte Fotoalben und anderes Wunderbares mehr.
    Im eigenen Zimmer machen wir, wozu wir Lust und Laune haben. Die übrigen vier Zimmer teilen wir uns. Zum Spielen, zum Lesen, zum Erzählen, zum Üben von neuen Clown-Tricks und Musikstücken, zum Kuscheln, zum Nähen von neuen Kostümen, zum Wohlfühlen. Und um Musik zu hören.
    Essen tun wir meistens in der gemütlichen Küche. Oder mit dem Teller auf dem Schoß draußen auf der alten Gartenbank neben der Küchentür, deren Farbe durch Sonne, Wind und Regen immer mehr abblättert.
    Wir schlafen auf Matratzen, einfach so auf den Holzdielen. Mal hier und mal da, eben dort, wo es uns gerade am besten gefällt. In jedem Zimmer liegt eine große Matratze mit bunten Decken und farbigen Kissen.
    »Warum sollten wir mehr Möbel haben?«, fragt Mama oft. »Wozu? Zwei Schatzkisten für euch reichen, zwei Schatzkisten für Papa und mich reichen. Ein Küchentisch, Stühle und ein Bücherregal für alle reichen auch.«
    Das finde ich praktisch. Wenn wir umziehen, brauchen wir dafür nur unseren Bakfiets. Das ist ein niederländisches Kastenrad. Bak heißt auf Deutsch Kasten und man spricht Bak wie Sack aus. Ein Fiets ist ein Fahrrad. Der Bakfiets hat vorne nebeneinander zwei Räder, dazwischen eine große Ladefläche, dahinter wie bei einem normalen Fahrrad nur ein Rad, Sattel, Lenker und Pedale. Mit diesem Ding können wir Schatztruhen, Bücher,

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