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Hundszeiten: Laura Gottbergs fünfter Fall

Hundszeiten: Laura Gottbergs fünfter Fall

Titel: Hundszeiten: Laura Gottbergs fünfter Fall
Autoren: Felicitas Mayall
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SIE GRÖLTEN WIEDER, unten auf den Kiesbänken bei der Museumsinsel. Inzwischen hatten sie diesen Isarstrand ziemlich für sich allein. Niemand wollte in ihrer Nähe feiern. Wo in früheren Nächten viele Feuer brannten, gab es jetzt nur noch ein großes.
    Die andern hatten sich neue Sandbänke gesucht. Wie Nomadenlager zogen sich ihre Grillplätze am Fluss entlang. Jede Nacht hingen Rauchschwaden über der Isar, Trommeln erklangen, Gitarrenklänge. Es war, als erinnerten sich die Bewohner der großen Stadt im Sommer an das Leben ihrer Vorfahren. Nur mit den Leuten am großen Feuer wollten sie alle nichts zu tun haben.
    Das hatte Ralf, der Steinmetz, genau beobachtet. Geduckt kauerte er im Schutz eines hohen Baumes an der Uferstraße und starrte zu denen am großen Feuer hinunter. Das Feuer loderte in dieser Nacht so hoch, dass der Turm des Deutschen Museums in flackerndes Licht getaucht wurde. Hartes Gelächter drang zu Ralf herauf, zu laut. Er mochte das Gelächter nicht, die Lieder nicht. Mochte die Kerle da unten nicht. Fast alles Männer, das hatte er gesehen, aber ein paar Frauen waren auch dabei.
    Ralf kannte sich an der Isar aus. Der Fluss war sein Zuhause. Deshalb wusste er genau, was gefährlich war und was nicht. Er kannte die Lager der anderen Penner, die unter den Brücken lebten, in Zelten oder Höhlen weiter draußen am Hochufer. Man ließ sich in Ruhe. Solange keiner ins Revier des anderen vordrang. Ralf war ein Einzelgänger und daher besonders auf der Hut. Die Kerle da unten passten nicht ins Bild. Die waren ein anderes Kaliber, keine Kollegen. Solange sie nicht näher an seinen Unterschlupf herankamen, fühlte er sich halbwegs sicher. Er musste sie im Auge behalten. Das stand fest!
    Für heute Abend hatte er genug gesehen. Ralf löste sich von seinem Baumstamm, im gleichen Augenblick erstarrte er, bekam Herzrasen, weiche Knie. Irgendwer hob ihn hoch, schüttelte ihn wie einen Hund. Harte Hände umfassten seinen Nacken, Eisenklammern. Dann die Stimme, dicht an seinem Ohr:
    «Lass dich hier nie wieder blicken, dreckiger Schmarotzer! Solche wie du haben in dieser Stadt nichts zu suchen. Sag das deinen Kumpels. Wir werden hier aufräumen!»
    Die Eisenklammer hob Ralf hoch und schleuderte ihn zu Boden. Er krümmte sich zusammen, wartete auf den Stiefeltritt, wagte kaum zu atmen, stellte sich tot. Nichts passierte. Er hatte Sand zwischen den Zähnen, und es roch nach Hundepisse. Endlich, nach mindestens fünf Minuten, drehte er sich ein bisschen und schaute sich um. Da war niemand, nur der Baumstamm. Ralf rappelte sich auf und rannte.
     
    Es ist eine dieser Nächte, ganz einfach eine dieser Nächte, dachte Kriminalhauptkommissarin Laura Gottberg. Ich hätte vor zwei Stunden aufstehen sollen, mich auf den Balkon setzen, ein Glas Wasser trinken, meditieren, ein Buch lesen, irgendwas tun müssen, nur nicht im Bett bleiben und nachdenken. Stattdessen hatte sie sich von einer Seite auf die andere gewälzt, irgendwann sämtliche Eingeweide gespürt und alle schlechten Erinnerungen der bisher gelebten Jahre durchgestanden. Ihr Kopf schmerzte. Alles fühlte sich feucht an: ihr Haar, ihre Haut, das Laken. Schwer und stickig hing die Luft über ihrem Bett, über der Wohnung, dem Haus, der Stadt und vermutlich der gesamten Erde.
    Seit beinahe zwei Monaten herrschte Gluthitze über München und ganz Mitteleuropa. Seit Wochen fielen die Menschen um wie Fliegen, sanken die Temperaturen auch nachts höchstens auf fünfundzwanzig Grad. Die Schlagzeilen der Zeitungen sprachen inzwischen von Endzeit und Apokalypse, weil Klimakatastrophe bereits zu abgedroschen klang.
    Auf dem Rücken liegend, Arme und Beine von sich gestreckt, versuchte Laura sich selbst den Befehl zum Aufstehen zu geben. Lange Zeit widersetzten sich die Schaltstellen ihres Körpers, immer wieder versank sie in dämmrigen feuchtwarmen Nebeln und träumte sogar – vom Fallen, von diesem Frosch. Sie schreckte hoch, schaffte es endlich auf den Bettrand und saß aufrecht.
    Sie wollte nicht von diesem Frosch träumen, hatte ihn schon fast vergessen, akzeptiert, dass es ihn gegeben hatte. Wirklich? Nein, nicht wirklich, denn ab und zu tauchte er auf wie ein verblasstes Schwarzweißfoto, irgendwo im Hinterkopf.
    Erbsünde, dachte sie. Der Frosch ist für mich so was wie die Erbsünde. Sie strich das feuchte Haar aus ihrem Gesicht, stand taumelnd auf und knipste die Lampe auf ihrem Nachttisch an. Zehn vor vier. Sie zwang sich dazu, in die Küche zu gehen,

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