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Gespenster Kuesst Man Nicht

Gespenster Kuesst Man Nicht

Titel: Gespenster Kuesst Man Nicht
Autoren: Victoria Laurie
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1
     
     
    »Er ist spät dran«, knurrte Gilley, mein Geschäftspartner und bester Freund, und starrte düster aus dem Fenster. »Jeden Tag kriegt er ein Riesentrinkgeld von mir, und was ist der Dank?«
    Ich löste den Blick von dem Zeitschriftenartikel, den ich gerade las, und sah auf die Uhr. Es war zwei Minuten nach zehn.
    »Oh Mann«, sagte ich sarkastisch. »Er ist zwei geschlagene Minuten zu spät! Mein Gott, wie hältst du das nur aus?«
    Gil drehte sich zu mir um, und seine ganze Wut auf den Boten verlagerte sich auf mich. »M.J.«, grollte er, »ich verlange von diesem Kerl nur eine winzige Gefälligkeit, nämlich, dass er mir täglich um Punkt zehn eine Cola light und einen Bagel mit Frischkäse liefert. Nicht so um zehn mm. Oder kurz nach zehn. Oder irgendwann zwischen acht und zwölf. Um Punkt zehn, das heißt, nicht später als …«
    Ich verdrehte die Augen und wandte mich wieder dem Artikel zu. Bis Gil ein paar Schlucke von seiner Cola light gehabt hatte, war es sinnlos, ein anständiges Gespräch mit ihm führen zu wollen. Ebenso sinnlos war es, ihm ein paar Vorschläge zu machen, wie es sich umgehen ließe, jedes Mal auf Entzug zu kommen, wenn der Bagel-Bote sich verspätete – er könnte zum Beispiel im Besenschrank einen Vorrat an Cola light bunkern oder sich schon auf dem Weg zur Arbeit eine kaufen. Nein, Gil wollte den morgendlichen Ablauf genau so haben, wie er war, einschließlich des Ausrasters, wenn sein Frühstück nicht pünktlich vor ihm stand. Ich hatte den starken Verdacht, dass er nur deshalb so an dieser Routine klebte, weil der Bote so schnuckelig war. Dass dieser definitiv nicht schwul war, störte Gil nicht; er flirtete trotzdem mit ihm.
    Gil begann ungeduldig in meinem Büro hin- und herzustapfen, was furchtbar störend war, aber ich verkniff mir tunlichst, etwas dagegen zu sagen.
    »Doc ist ein hübscher Vogel!«, krähte mein Graupapagei. »Doc will Schokopops!«
    Ich lächelte während des Lesens in mich hinein. Doc hatte es drauf, die Spannung zu lockern. »Doc Sahneschnitte! Doc Sahneschnitte!«, krähte er aufgeregt.
    Ich hob den Blick und sah Doc an. »Ist er da?«
    Zur Antwort öffnete sich die Eingangstür unseres Büros, und aus dem Foyer ertönte ein »Guten Morgen!«.
    Gil ließ das Herumtigern und gab sich sichtlich Mühe, eine entspanntere Miene aufzusetzen. »Wir sind hier«, rief er.
    Rasch ließ ich meine Zeitschrift in einer Schublade verschwinden, zog meinen Laptop heran und legte die Finger auf die Tasten. Im nächsten Moment trat – über eins achtzig, dunkelhaarig und zum Anbeißen – Dr. Steven Sable durch die Tür, der dritte Partner unseres Geisterjäger-Unternehmens. »Hallo, Team«, sagte er mit seinem samtigen Bariton, der von einem spanisch-deutschen Akzent gefärbt war.
    »Morgen«, sagten Gil und ich im Chor.
    »Ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass du heute Morgen kommst«, fügte ich hinzu. »Hast du nicht Vorlesungen?« Steven war im aktuellen Sommersemester, das gerade begonnen hatte, Gastdozent für kardiovaskuläre Thoraxchirurgie an der University of Massachusetts.
    »Die fallen aus. Im Hörsaal gab es einen Wasserrohrbruch. Er wurde überschwemmt, und die Verwaltung hat die Lehrveranstaltungen vorerst abgesagt.«
    »Es ist Juni«, wunderte sich Gil. »Wie kann im Juni ein Wasserrohr platzen?«
    »Das weiß ich nicht«, sagte Steven und setzte sich mir gegenüber. Kurz sahen wir uns an, und es knisterte heftig.
    »Oh, der Verband ist ab«, sagte ich, als mir seine vernarbte, noch leicht geschwollene Hand auffiel. Bei einer unglücklich verlaufenen Geisterjagd vor einigen Wochen war er von einer Kugel getroffen worden.
    Steven drehte die Hand nach allen Seiten. »Ist so gut wie neu.«
    »Freut mich für dich«, sagte ich. »Und schön, dass du da bist, aber leider ist heute nicht viel los. Keine Geisterjagd in Sicht, fürchte ich.«
    »Keine neuen Fälle?«
    »Nicht ein einziger«, sagte Gil. »Scheint, als wäre gerade Flaute.«
    »Was ist mit den Hendersoris?«, fragte Steven. Das war unser letzter Fall gewesen. »Hatten sie noch Probleme?«
    »Nein«, sagte ich. »Ach, Mrs Henderson hat uns zum Dank einen Obstkorb vorbeischicken lassen. Das Haus war jetzt zwei Wochen lang ganz friedlich.«
    »Also volle Hose«, sagte Steven. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass Englisch seine fünfte Sprache ist, und manchmal hapert es heftig.
    Ich schielte zu Gil hinüber und bemerkte, dass er angefangen hatte zu schwitzen. Der Wanduhr nach hatte

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