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Gefaehrten der Finsternis

Titel: Gefaehrten der Finsternis
Autoren: Chiara Strazzulla
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schließlich den Zutritt zum Königshof gewährt.
    Lyannen war ein höflicher und intelligenter Junge und sogar der König fand Vergnügen an seiner Gesellschaft. Alles in allem hatte Vandriyans ungewöhnlicher Sohn so ein beinahe annehmbar zu nennendes Leben gefunden. Aber - und das wusste Lyannen nur zu gut - er war ein Außenseiter und würde es immer bleiben. Ein Halbsterblicher, nichts mehr.
     
    An diesem Tag stand die Sonne hoch am azurblauen Himmel über Dardamen, strahlte über die Türme der Weißen Residenz und spiegelte sich glitzernd im Fluss Silberstrom, der sich quer durch die Stadt zog. Eine sanfte Brise linderte die Hitze des Tages. Ein beinahe vollkommener Friede lag über Dardamen.Vandriyan und seine drei ältesten Söhne, die nach fünf Monaten an der Front in die Stadt zurückkehrten, genossen den majestätischen Anblick, der sich ihnen bot. Weiß wie Schnee, gleißend hell im Sonnenglanz, erschien ihnen ihre Stadt wie ein Wunderwerk. Unzählige Spitzen und Türmchen reckten sich dem Himmel entgegen, der Fluss brauste mächtig unter den Bögen der Weißen Brücke hindurch und der stattliche Bau der Königlichen Residenz mit den vier Türmen erhob sich stolz am Großen Platz mit seinem herrlichen Park. Sie waren drei Wochen lang ununterbrochen gelaufen, ihr schweres Gepäck auf den Schultern, aber nun lag die Front des Krieges weit hinter ihnen.Vandriyan und seine Söhne waren staubbedeckt und erschöpft und brauchten dringend Erholung.
    Auf der Straße wurde der Hauptmann mit lauten Jubelrufen
empfangen.Trotz der vergangenen Strapazen hielt Vandriyan sich aufrecht und lief mit hoch erhobenem Haupt vorwärts. Er war ganz in Grün gekleidet, ein langer Umhang wehte von seinen Schultern. An den Handgelenken trug er hellgoldene Armreifen, auf denen Runen eingraviert waren, und um seinen Hals hing eine Kette mit einem Anhänger aus rotem Gold, die er seit Anbeginn der Zeiten trug und noch nie abgenommen hatte. Im linken Ohrläppchen hatte er einen großen goldenen Ohrring, in den ein Smaragd eingefasst war. Seine Züge wirkten vornehm und stolz, seine Haut war glatt und unbehaart wie bei allen Ewigen. Er hatte zwei leuchtend grüne Augen und lange goldfarbene Haare. Hinter eines seiner spitzen Ohren hatte er eine schwarze Lilie gesteckt - allerdings hatte die in der Hitze ziemlich gelitten.
    Sein ältester Sohn Hilsir neben ihm war ganz in Blau gekleidet. Er hatte einen durchtrainierten, muskulösen Körper, langes Silberhaar und eisgraue Augen. Der Zweitgeborene Tyhanar war groß und eher zart und seine Gesichtszüge waren genauso fein wie die ihres Vaters. Seine Gewänder aus türkisfarbener Seide passten ausgezeichnet zu seinen Augen, die genauso grün leuchteten wie die von Vandriyan. Unterwegs begrüßten ihn viele Mädchen, ebenso wie Lanyan, den dritten Sohn. Er war groß und schlank, eher hager und bewegte sich elegant. Seine Kleidung war in Rot gehalten und an seine langen kräftigen Beine schmiegten sich braune Lederstiefel.
    Die vier Reisenden mussten auf ihrem Weg durch die Stadt oft stehen bleiben. An jeder Straßenecke hielt sie jemand an und wollte Nachrichten aus dem Krieg erhalten. Eine besorgte Mutter fragte nach ihrem Sohn, der unter Vandriyans Kommando kämpfte, und ein Mädchen erkundigte sich bei Hilsir nach ihrem Verlobten, der sein Waffengefährte war. Der Feldherr versuchte, für jeden ein Wort des Trostes zu finden. Mehr als fünfzehn Jahre waren mittlerweile seit Ausbruch des Krieges vergangen, seit dem
ersten Angriff der Goblins an der Nordwestgrenze, und die guten Nachrichten wurden immer seltener.Vandriyan hatte schon zu viele Briefe schreiben müssen, in denen er gezwungen war, einer Familie mitzuteilen, dass ihr Vater, Bruder oder Gemahl nie mehr nach Hause zurückkehren würde. Es war eine undankbare Aufgabe, und Vandriyan hasste sie, so wie er diesen ganzen Krieg mit seinen Kämpfen hasste.Allmählich war er aller Kriege müde, umso mehr, als er die Zeiten des wahren Friedens noch erlebt hatte - Zeiten, die mittlerweile schon so lange zurücklagen. Und er wusste nur zu gut, was es hieß, einen Sohn im Krieg zu verlieren, schließlich hatten die dreizehn Kinder aus seiner ersten Ehe und seine erste Frau durch die Hand des Feindes den Tod gefunden. Wenn er dagegen einer besorgten Mutter mitteilen konnte, dass ihr Sohn wohlauf war und bald entlassen würde, war dies einer seiner wenigen freudigen Momente.
    Heute fertigte der Hauptmann die Leute, die von allen Seiten auf

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