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Gefaehrten der Finsternis

Titel: Gefaehrten der Finsternis
Autoren: Chiara Strazzulla
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Heer anschließen durfte. Doch obwohl an der Front verzweifelt Verstärkung gebraucht wurde, war Lyannen nicht mit seinen Brüdern aufgebrochen. Denn Lyannen war anders als seine Geschwister. Seit
seiner Geburt hatten seine Eltern gewusst, dass er es nicht leicht haben würde.
    Lyannen war nicht sehr groß, gerade mal einen Meter achtzig, während ein Ewiger mittlerer Statur zwei Meter zwanzig erreichte. Er hatte einen schönen gelenkigen und kräftigen Körper und wunderschöne eisblaue Augen, die aufmerksam in die Welt blickten. Sein Gesicht war schmal und seine feinen intelligenten Züge ähnelten durchaus denen seines Vaters und wie alle Ewigen hatte er spitze Ohren. Doch etwas unterschied ihn deutlich von seinen Geschwistern und brachte die Leute dazu, verächtlich auf ihn herabzusehen. Es brandmarkte ihn als einen Herkunftslosen und war niemals zu übersehen: Es war die Farbe seiner Haare.
    Alle Ewigen hatten entweder silberne oder goldblonde Haare. Das war ein Geschenk der Götter, ein sichtbares Symbol ihrer Herkunft, und sie waren so stolz darauf, dass sie sie nur selten schnitten. Allerdings wuchsen ihre Haare auch meist sehr langsam. Die Haare von Lyannen dagegen waren wie die seines Großvaters mütterlicherseits, der Hunderte von Jahren vor Lyannens Geburt gestorben war und den er deshalb nur aus Sashas Erzählungen kannte: Sie waren lang, glatt, glänzend und vor allem rabenschwarz. Sasha musste sie ihm häufig schneiden, damit sie nicht zu lang wurden. Sie waren ein weithin sichtbares Zeichen dafür, dass Lyannen ein Herkunftsloser war. Niemand konnte das übersehen. Und niemand tat es. Aus diesem Grund wurde Lyannen nicht beim Heer zugelassen. Aus diesem Grund würde niemand es wagen, ihm seine Tochter zur Frau zu geben. Und seine Haare waren auch der Grund, warum er von den Leuten gemieden wurde, als ob sie fürchteten, er habe eine ansteckende Krankheit. In Dardamen war er für alle nur Lyannen, der Halbsterbliche. Er war ein Geächteter, ohne Gegenwart, ohne Hoffnung auf Zukunft. Für Lyannen war die Weiße Hauptstadt nichts als ein goldener Käfig, aus dem er nur allzu gern geflohen wäre.

    Trotz alledem aber war Lyannen seit seiner Geburt der Lieblingssohn seines Vaters.Vor knapp dreihundert Jahren, als Lyannen gerade einmal zwanzig war, hatte ihn sein Vater zu einem Orakel mitgenommen, damit man ihm dort seine Zukunft prophezeite. Lyannen erinnerte sich nicht mehr daran, was das Orakel über ihn gesagt hatte, aber dafür wusste er noch genau, was auf dem Rückweg geschehen war. Es war schon sehr spät gewesen, als sie aufgebrochen waren, und der kleine Lyannen hatte seinen Blick zum Himmel erhoben und dort Milliarden von Sternen entdeckt. Er hatte noch nie eine so schöne Sternennacht erlebt.
    »Papa«, hatte er gesagt, »Papa, hol einen Stern für mich!«
    Anstatt über die Bitte des Kindes zu lachen, hatte Vandriyan seinen Sohn voller Zärtlichkeit angesehen. Dann hatte er eine Hand zum Himmel erhoben und sie blitzschnell zusammengeballt, als wolle er eine Eidechse fangen. Als er sie wieder herunternahm, pulsierte in seiner Faust ein heller silberner Lichtschein. Vandriyan hatte seine Hand geöffnet und dem Sohn einen funkelnden Anhänger gereicht, der die Form eines fünfzackigen Sterns hatte. Im Licht des Mondes leuchtete der Anhänger geheimnisvoll, und Lyannen hatte sofort gewusst, dass dies kein gewöhnliches Schmuckstück aus Silber war. Es war ein echter, ein wirklicher Stern vom Firmament. Mehr als einmal hatte Vandriyan behauptet, dass der Anhänger, den Lyannen immer an einer Silberkette um den Hals trug, besondere Kräfte berge. Im Moment der Not - so erklärte der Vater - würde Lyannen schon wissen, wie er sie zu gebrauchen habe. Lyannen verstand zwar nicht, um welche Kräfte es sich handelte, aber er spürte, dass sein Vater die Wahrheit sagte.
    Vandriyan sorgte auch dafür, dass Lyannen seine Studien beendete, zunächst mit einem eigenen Hauslehrer und später dann in einer Militärakademie.Wie alle anderen jungen Männer hatte Lyannen den Umgang mit dem Schwert gelernt. Er kannte die Heilkräuter und wusste, wie man sie nach den Regeln der traditionellen
Medizin verwendete. Er konnte in Lettern und Runen schreiben, war gut im Zeichnen, spielte Flöte und Harfe und hatte eine schöne Gesangsstimme. In der Militärakademie hatte er auch endlich wahre Freunde gefunden, darunter sogar einen Neffen des Königs. Deshalb und natürlich auch seines Vaters wegen hatte man ihm

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