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Gefaehrten der Finsternis

Titel: Gefaehrten der Finsternis
Autoren: Chiara Strazzulla
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hatte das Gefühl, dass der Einsame lächelte. »Du bist noch jung«, erwiderte er, »doch du bist mutig, Slyman. Du hast genau das gesagt, was ich von dir erwartet habe. Ich danke dir. Du hast mich und ich habe dich.Wir sind uns selbst genug. Jetzt leg dich hin und schlafe, denn morgen sollten wir bei Sonnenaufgang aufstehen. Es wäre gut, wenn wir die Grenze überschreiten, bevor der Nebel sich lichtet. Schlaf, mein Junge, ich werde Wache halten. Ich brauche schon lange keinen Schlaf mehr.«
    Slyman breitete seine Decke aus und rollte sich darauf zusammen. Die Letzte Stadt leuchtete unwirklich zu ihnen herüber. Ehe er in einem Strudel wirrer Träume versank, nahm Slyman als letzten Eindruck das Bild des Einsamen mit, der beim Feuer saß, das blanke Schwert auf den Knien.

    An diesem Sommermorgen war die Illusion von Frieden so perfekt, dass manch einer in Dardamen schon auf ein Ende des Krieges hoffte. Doch diese Hoffnung war trügerisch:Tag für Tag brachen Männer zur Nordgrenze auf, wo die erbittertsten Kämpfe tobten; und die Frauen fragten sich, wie viele ihrer Söhne und Männer wieder heimkehren würden.
    Hauptmann Vandriyan von der Schwarzen Lilie war gerade erst von der Nordwestgrenze eingetroffen. Seine drei ältesten Söhne waren bei ihm; weitere fünf kämpften noch an der Front. Nur einer seiner Söhne, der jüngste, war in der Hauptstadt zurückgeblieben: Lyannen.
    Vor Jahren hatte Vandriyan von der Schwarzen Lilie einen Schritt gewagt, den kaum noch ein Ewiger tat: Er hatte eine Sterbliche zur Frau genommen.Tatsächlich hatte diese Entscheidung sogar ihn selbst überrascht.Vor langen Zeiten, als der Dritte Krieg gegen die Finsternis nur mehr eine ferne Erinnerung war, hatte sich das Reich auf einmal mit einer neuen Gefahr konfrontiert gesehen: Ein gewisser Algus, ein Zauberer, der behauptete, der uneheliche Sohn von Sire Ataran II. zu sein und mit Hilfe von Magie Unsterblichkeit erlangt zu haben, hatte die Grenzen des Ewigen Königreiches mit einem Heer von Goblins und Kobolden angegriffen. Als Verbündete hatte er die Sterblichen gewinnen können, die vom Groll gegen die Ewigen angetrieben wurden. Und als Vandriyan nach einer Schlacht mit seinem Gefährten Mardyan, dem Einsamen, nach Hause zurückgekehrt war, hatte er entdecken müssen, dass die Sterblichen ihnen zuvorgekommen waren und dass sie ihre Frauen und Kinder niedergemetzelt hatten. Damals hatte Vandriyan sich geschworen, niemals mehr eine Frau zu lieben.
    Doch dann war Sasha gekommen: eine Sterbliche, die zusammen mit vier Gefährten berufen wurde, dem Zauberer die Stirn zu bieten, weil eine alte Prophezeiung besagte, dass nur diese fünf Sterblichen ihn besiegen konnten.Vandriyan erkannte, dass
kein Schwur der Welt ihn davon abhalten konnte, Sasha zu lieben. Und ebenso wenig die Missbilligung der Ewigen. Denn auch wenn Sasha groß und blond war wie eine Prinzessin der Ewigen, gründete sich ihre Unsterblichkeit doch nur auf Magie, und ihre fünfzehn gemeinsamen Kinder waren Halbsterbliche - sogenannte Herkunftslose. Und es gab nur weniges, was für einen Ewigen schlimmer war, als ein Herkunftsloser zu sein.
    Obwohl sich Sasha einst die Anerkennung und den Respekt der Ewigen erworben hatte, da sie das Reich vor Algus gerettet hatte, war ihre Verbindung mit Vandriyan im Königreich nicht gern gesehen. Mochte sie auch noch so heldenhaft gehandelt haben - keine Sterbliche war nach Meinung der Ewigen würdig, Vandriyan von der Schwarzen Lilie zu heiraten. Er war weit mehr als ein gewöhnlicher Feldherr oder Hauptmann: Er war der Letzte der Ersten, der zwanzig Urahnen ihres Volkes, die ihre Augen vor unendlich vielen Jahren zum ersten Mal geöffnet hatten, als der Gott der Götter die Welt bevölkerte. Wenige unter den Töchtern der Ewigen wären seiner würdig gewesen - aber ganz sicher keine Sterbliche!
    Doch Vandriyans Wahl war gefallen. Sasha hatte ihm neun Söhne und sechs Töchter geschenkt, und die waren eindeutig die Sprösslinge ihres Vaters: groß, schön, mit goldblondem oder silbernem Haar und feinen, edlen Zügen. Niemand kam bei ihrem Anblick in den Sinn, dass diese fünfzehn Kinder Halbsterbliche seien. Sie waren so schön und ähnelten ihrem Vater so sehr, dass man die Herkunft ihrer Mutter vergaß.
    Das heißt: Bei allen vergaß man sie - nur nicht bei einem.
    Lyannen war der jüngste Sohn von Vandriyan und Sasha. Er war vor Kurzem dreihundert Jahre alt geworden, ein Alter, von dem an man sich eigentlich als Freiwilliger dem

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