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Gefaehrten der Finsternis

Titel: Gefaehrten der Finsternis
Autoren: Chiara Strazzulla
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um sie nicht ernsthaft zu fürchten.
    Die Goblins waren dagegen der Abschaum der Benachbarten Reiche:Wahnsinn war bei ihrer Rasse angeboren und wurde weitervererbt, und sie waren in einer Vielzahl von Stämmen organisiert, die einander ständig bekriegten - wenn sie nicht gerade damit beschäftigt waren, in grausamen internen Fehden den jeweiligen Stammesführer zu ermitteln. Dass ein Krieg, den die Goblins vom Zaun gebrochen hatten, die Ewigen in ernsthafte Bedrängnis bringen konnte, war nicht nur ein Grund zur Sorge für den König und seinen Hohen Rat in Dardamen. Es beleidigte den Stolz der Ewigen, und jeder wusste, wie wichtig die ihre Ehre nahmen. Die Ewigen waren so stolz auf ihre vergangenen Siege über ein göttergleiches Wesen wie die Finsternis, dass sie die Schmach nicht ertragen konnten, von einer Horde Goblins in die Knie gezwungen zu werden. Doch genau das schien gerade zu geschehen.
    Vandriyan wusste, dass es auch an ihnen selbst lag, wenn sie seit fünfzehn Jahren nichts als Niederlagen hinnehmen mussten, und nicht nur an der überraschend guten strategischen Aufstellung der Goblins. In seinem langen Leben hatte er genügend Kriege erlebt, um zu wissen, wie es dazu kommen konnte. Der Stolz der Ewigen, der ihnen so oft in Situationen geholfen hatte, in denen jeder andere aufgegeben hätte, war jetzt einer der wesentlichsten Gründe für ihr Scheitern. Sie hatten sich getäuscht, als sie annahmen, dass es sich um einen der üblichen Grenzkonflikte mit den Goblins handelte, und ihre Truppen erst mobilisiert, als die Feinde schon zu viel Gebiet erobert hatten. Außerdem hatten sie die Sterblichen zu spät um Unterstützung gebeten. Die Allianz, die am Ende der Kriege gegen Algus geschlossen worden war, verpflichtete die Sterblichen vom Nebelreich, dem Reich im Falle eines Angriffs zu Hilfe zu kommen, denn von einer möglichen Invasion der Goblins wären auch sie selbst betroffen. Doch
die Ewigen konnten sich nicht mit der Vorstellung anfreunden, auf die Unterstützung der Sterblichen angewiesen zu sein. Für den Hohen Rat von Dardamen kam ein Hilfeersuchen bei den Sterblichen dem Eingeständnis gleich, dass das berühmte Heer des Ewigen Königreiches nicht mehr in der Lage war, einer dahergelaufenen Schar von Goblins die Stirn zu bieten. Und als die Ewigen einsehen mussten, dass es sich wirklich so verhielt, und zum ersten Mal nach Dutzenden von Jahren Boten losgeschickt hatten, die mit den Sterblichen vom Nebelreich reden sollten, hatten sie keine Antwort erhalten. Die Boten waren nie mehr zurückgekehrt. Niemand fand heraus, ob sie jemals angekommen waren oder ob die Sterblichen einfach nicht eingreifen wollten. Die Ewigen standen also allein an der Front ohne Hoffnung auf Verstärkung und waren offenkundig in großen Schwierigkeiten.
    Vandriyan gelang es nicht, seine Besorgnis zu verbergen. »Den Jungen geht es gut«, sagte er und nahm Sashas Hand fest in seine beiden Hände. Doch er lächelte nicht, als ob diese gute Nachricht nicht die Gefahren bannen konnte, die er auf sie alle zukommen sah. »Sie lassen dich alle grüßen. Gershir hat einen Pfeil ins Bein abbekommen, aber es ist nichts Ernstes. Man hat ihn entfernt, und als wir aufgebrochen sind, versuchte man gerade, ihn aus der Krankenstation zu werfen.«
    »Und ich habe fast einen Finger verloren, aber man hat ihn mir wieder angenäht und jetzt ist alles wieder gut«, ergänzte Tyhanar und zeigte stolz eine ziemlich lange Narbe am Ansatz seines Zeigefingers.
    Lenya verbarg hinter vorgehaltener Hand ein Kichern, was ihr einen bösen Blick ihres Bruders eintrug. Vandriyan ließ Sashas Hand los, da seine Frau sich aufseufzend von ihm löste.
    »Versucht bitte, vorsichtig zu sein, wenn ihr wieder zurückgeht.«
    Vandriyan strich sich die Haare aus dem müden Gesicht. Er hatte dunkle Ringe unter den grünen Augen und eine tiefe Falte
im Mundwinkel. »Ich werde den Jungen natürlich sagen, dass sie aufpassen sollen«, versprach er. »Doch ich, Sasha, bin ein General. Das ganze Heer kennt mich, sie sehen auf mich, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Ich kann mich bei einem Kampf nicht zurückziehen, ich muss den Soldaten ein Vorbild sein. Was würden sie ohne mich tun? Ich bin doch ihr Anführer.« Er hätte sicher noch mehr gesagt, doch eine abrupte Kopfbewegung Tyhanars unterbrach ihn. Er hatte sich umgesehen, als ob er ganz plötzlich bemerkt hätte, dass jemand fehlte, der eigentlich anwesend sein müsste. »Ach übrigens«, fragte er, »wo ist

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