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Gefaehrten der Finsternis

Titel: Gefaehrten der Finsternis
Autoren: Chiara Strazzulla
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Boden zurück, den
sie verloren hatten, und schließlich besiegten sie die Finsternis zum dritten Mal.
    Und auch dieser Dritte Krieg endete damit, dass die Benachbarten Reiche gerettet waren. Doch als sich die Sieger am Tag nach der Schlacht umsahen, mussten sie feststellen, dass sie ihr Land zwar bewahrt hatten, dass es nun aber völlig verheert war. Von den Ersten lebten nur noch Hauptmann Vandriyan von der Schwarzen Lilie und Mardyan, der Einsame. Ganze Städte waren in Schutt und Asche zerfallen, Hunderte von Familien trauerten um ihre Väter, Ehemänner und Brüder. Jeder hatte seine eigene Last zu tragen, und so lockerte sich das Band zwischen Ewigen und Sterblichen wieder, das ihr langer gemeinsamer Kampf neu gefestigt hatte.Als der Krieg nun zu Ende war, merkten die Ewigen, dass sie sich zu sehr von der Magie hatten leiten lassen, ja von ihr abhängig geworden waren, und sie beschlossen, ihr Studium aufzugeben. Doch der Stolz darauf, unsterblich zu sein, wuchs in ihren Herzen.Weil sie sich einbildeten, diesmal sei die Finsternis endgültig besiegt, brachen die Ewigen auch noch ihr letztes Bündnis und setzten ihrer langen Freundschaft mit den Sterblichen ein Ende. Unter der Herrschaft von Sire Ataran dem Zweiten, der als der hochmütigste König der Ewigen in die Annalen der Geschichte eingehen sollte, zogen sie sich in die Grenzen ihres Königsreiches zurück. Dort lebten sie forthin in stolzer Abgeschiedenheit.
    Die Jahrhunderte vergingen. Man beseitigte die Schäden, die der Krieg verursacht hatte. Jedes der Völker in den Benachbarten Reichen lebte für sich allein, und es herrschte Frieden - abgesehen von gelegentlichen Überfällen der Goblins, die man in wenigen Tagen niedergeschlagen hatte. Die Zeit des Krieges gegen die Finsternis schien unendlich weit zurückzuliegen, und mit jedem Tag, der verging, festigte sich die Überzeugung, dass der Feind kein viertes Mal zurückkehren würde. Langsam entstand ein neues Gleichgewicht zwischen den Völkern, das so auf Eigenständigkeit
fußte wie das vorige auf dem Miteinander. Es konnte erfolgreich sein, so hofften es alle.
    Doch diese Hoffnungen sollten wieder einmal enttäuscht werden.

EINS
    D AS FEUER PRASSELTE und verbreitete eine angenehme Wärme. Ein eisiger Wind pfiff am Saum des Finsterwaldes entlang, fegte über die Grenzländer und versuchte, die flackernden Flammen auszulöschen. Unter dem Gebirgszug, der »der Schroffen« genannt wurde, funkelten die Lichter der Letzten Stadt vor den Augen des einsamen Wanderers, der sich eng in seinen dunkelvioletten Umhang gewickelt hatte. Die Tannen des Waldes ragten hoch und schwarz vor ihm auf wie eine dichte Wand, die der Feuerschein kaum erhellte, und aus dem Unterholz drangen ab und an leise Raschel- oder Knacklaute, Geräusche von Tieren oder herabfallenden Ästen. Der Mann seufzte und fuhr sich mit einer Hand durch die langen silbernen Haare. Seit zweihundertfünfzigtausend Jahren zog er nun rastlos umher. Er hatte solche Sehnsucht nach Ruhe - aber die schien nicht seiner Bestimmung zu entsprechen.
    Der Junge kniete beim Feuer und sah zur dunklen Silhouette des Einsamen auf, die sich am Rande des Schroffen gegen den lilafarben leuchtenden Himmel erhob. Die langen Haare des Mannes wehten im Wind und sein Umhang bauschte sich. Ruhelos und einsam wirkte seine ganze Erscheinung.
    »Slyman«, rief ihn der Einsame jetzt mit rauer, tiefer Stimme an.

    »Ja?« Der Junge erhob sich und schaute ihn aus seinen sanften hellgrünen Augen an. Er war noch zu jung, um jemandem wie dem Einsamen ein würdiger Reisegefährte zu sein. »Was wünscht Ihr, Herr?«
    »Slyman«, wiederholte der Einsame. »Morgen Mittag werde ich die Letzte Grenze überschreiten. Es steht dir frei, mich zu verlassen, wenn du das möchtest. Ich war noch nie jenseits dieser Grenze und weiß nicht, was mich auf der anderen Seite erwartet. Wahrscheinlich lauern dort große Gefahren.Wenn du eigene Wege gehen willst, kannst du das tun. Überleg es dir gut.«
    Slyman senkte den Kopf. »Eure Worte verletzen mich, Herr«, antwortete er. »Ich bin kein Feigling und ich werde Euch auf keinen Fall allein unbekannten Gefahren entgegentreten lassen. Ihr seid alles, Ihr seid mehr als ein Vater für mich. Es erstaunt mich, dass Euch überhaupt in den Sinn kommt, ich könnte fortgehen. Was könnte ich damit gewinnen? Ich habe niemanden auf der Welt, niemanden außer Euch. Wenn ich schon sterben muss, so erlaubt mir wenigstens, an Eurer Seite zu sterben.«
    Er

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