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Fleischmarkt

Fleischmarkt

Titel: Fleischmarkt
Autoren: Laurie Penny
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Einführung. Körper als Marke
    Warum fürchten wir den weiblichen Körper so? Vier Jahrzehnte, nachdem die Frauen in den meisten westlichen Ländern alle Rechte und die Gleichstellung erreicht haben, wird auf gesellschaftlicher Ebene nach wie vor ein gnadenloser und inszenierter Abscheu vor dem weiblichen Fleisch kultiviert. Unabhängig von Alter, Rasse oder Physiognomie werden unsere Körper abgestraft und überwacht. Jeden Tag werden wir in Film und Fernsehen, in der Werbung und in den Printmedien, aber auch durch flüchtige Bekannte, mit unzähligen – mehr oder weniger subtilen – Botschaften bombardiert, die uns suggerieren, dass wir nicht jung genug, schlank genug, hellhäutig genug und willfährig genug sind. Es gibt kein Entkommen. Zu ritualisierten Akten von Konsum und Selbstdisziplinierung gezwungen, die weltweit einen riesigen Markt an Schönheits-, Diät-, Mode- und Pflegeprodukten hervorbringen, hungern selbst in den Ländern, wo ausreichend Nahrung vorhanden ist, drei Viertel aller Frauen täglich, um nur ja nicht zu viel Raum zu beanspruchen. Selbst wenn wir die vollständige körperliche Kontrolle annähernd erreichen, die man von uns verlangt, ist immer klar, dass unsere Körper nicht uns gehören: Wir sind beständig dem Risiko von sexueller Gewalt und Totschlag ausgesetzt. Eine von fünf Frauen in Großbritannien und den USA wird Opfer von Vergewaltigung, und wir alle lernen, mit der Angst vor sexueller Gewalt zu leben.
    Man erwartet von uns, dass wir selbstbewusst auftreten und sexuell allzeit verfügbar wirken, aber wir sollen uns schämen und werden geächtet, wenn wir Arroganz, Ehrgeiz oder erotisches Verlangen zeigen. Überall, in jedem Bereich des Lebens von Frauen, sind körperliche Kontrolle, Selbstdisziplin und ein steriles Zurschaustellen von Sexualität die Parole einer neuen Geschlechterkonformität, die uns direkt ins Fleisch gebrannt wird.
    Das weibliche Fleisch ist eine starke Ressource. Selbst in Gesellschaften, in denen die Gleichberechtigung der Frau gesetzlich verankert ist, sind es naturgemäß noch immer Frauen, die schwanger werden, Kinder gebären und großziehen. Sie leisten den größten Teil der Haus- und Betreuungsarbeit, ohne dafür einen Cent zu bekommen und oft zusätzlich zu einem bezahlten Vollzeitjob außer Haus. Zudem werden über 80% aller verkauften Produkte und Dienstleistungen in den Ländern der ersten Welt von Frauen gekauft 1 , was einen lebenswichtigen Motor für den Konsum darstellt, der nötig ist, um die neoliberalen Produktionsverhältnisse zu erhalten. Das Überleben der modernen Ökonomien hängt von der bezahlten und unbezahlten Arbeit, der Kaufkraft und der Reproduktionsfähigkeit von Frauen ab. Dass Frauen sich dieser Macht bewusst würden, wäre unerträglich: Die Gefahr einer Revolte wäre zu groß.
    Wenn die Konsumgesellschaft in der Art und Weise weiterexistieren soll wie gewohnt, ist es unabdingbar, dass diese latente Macht enteignet, bezähmt und gefügig gemacht wird. Die Mittel, mit denen der zeitgenössische Kapitalismus den Frauenkörpern zusetzt – von der Werbung über Pornografie bis hin zu den Strukturen von geschlechtsspezifischer Arbeit und häuslicher Gewalt –, sind keine Privatangelegenheit ohne Einfluss auf den Rest der Welt. Vielmehr sind sie die notwendigen Fesseln in einem Überbau von Unterdrückung, die so grundlegend zur Erfahrung des Frauseins gehört, dass sie quasi unsichtbar ist. Dieser Überbau ist für das nackte Überleben der patriarchalen Kapitalismusmaschine unabdingbar. Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich in ihren Körpern wirklich wohl und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen.
    Dieses schmale Buch ist der Versuch, einige der Strategien aufzuzeigen, mit denen die Frauenkörper im Spätkapitalismus entmachtet und kontrolliert werden. In vier Kapiteln, die sich mit Sexualität, Essstörungen, geschlechtsspezifischem Kapital und Hausarbeit beschäftigen, stelle ich in
Fleischmarkt
einige der Parameter dar, die für den Handel mit dem weiblichen Fleisch als sexuelles und soziales Kapital von Bedeutung sind. Es wird gezeigt, wie Frauen von ihren geschlechtlichen Körpern entfremdet und genötigt werden, die elementaren Bestandteile ihres eigenen Geschlechts käuflich zu erwerben.
    In ihrem sträflich vernachlässigten Text
Frauenbefreiung und sexuelle Revolution
(1975) beschreibt Shulamith Firestone diesen Prozess als eine Maßnahme, die dazu dient,

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