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Engelstation

Engelstation

Titel: Engelstation
Autoren: Walter Jon Williams
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1. KAPITEL
       

    Als ihr Vater Selbstmord beging, zeichnete er das Ereignis auf, so wie er alles Wichtige in seinem traurigen, schlecht organisierten Leben aufgezeichnet hatte. »Ich weiß, was auf uns zukommt«, sagte er. »Ich weiß, daß ich es nicht aufhalten kann. Ich kann nichts daran ändern. Es tut mir leid.«
    Als es geschah, trieb die Runaway zwischen Singularitätsschüssen im tiefen Raum. Pasco, ihr Vater, hing im Computerraum schwerelos in der Luft. Er war fett und kraftlos; die langen grauen Haare und der Bart schwebten lose um ihn herum, und er sah aus wie ein weinender Weihnachtsmann. Hinter ihm zeigten die Außenmonitoren ein langsam rotierendes Sternenfeld.
    »Wir können nicht überleben«, sagte er. »Nicht so, wie die Dinge bei uns stehen.« Er schluckte schwer. Seine Hände, die schwerelos an seinen Seiten hingen, zitterten. Er war von seinem ganzen Krempel umgeben: alten Computerkonsolen, defekten Holokameras, wirren Knäueln von Glasfaserkabeln, verschrammten Mikroskopen, Mikrochirurgie- und Genspleißgeräten und einer alten automatischen Gebärmutter – all dem Zeug, das er über die Jahre fast wie aus einem Aberglauben heraus angehäuft hatte, als ob sich die ganzen kleinen Apparate, die Programme, die er zusammengestoppelt und zum Laufen gebracht, die Spermien und Eizellen, mit denen er herumgebastelt, und die unablässigen Aufzeichnungen von sich selbst, die er gemacht hatte, Stunden um Stunden, irgendwie zu einem Ganzen summieren und das Universum auf eine Weise neu erschaffen würden, die für ihn einen Sinn ergab; als ob sie ihn wie durch Zauberei dem langsamen Tod entreißen würden, der ihm selbst, seinen Kindern und seinem Schiff bevorstand.
    »Ich bin nicht anpassungsfähig genug«, sagte er. »Hört zu. Ich habe dafür gesorgt, daß ihr klug seid. Ihr seid schnell. Vielleicht findet ihr einen Ausweg. Ich wäre nur ein Hindernis für euch.« Eine Schnellkurskassette hing unbemerkt bei seinen Füßen und drehte Zeitlupenpirouetten im wispernden Strom der Rezirkulationsluft.
    »Wenn ich bei euch bleibe, werde ich versagen.« Er schüttelte den zottigen Kopf. »Ich werde untergehen und euch mit in den Untergang reißen. Ich bin nicht stark genug. Nicht mehr.« Er schwebte jetzt näher zur Kamera hin. Seine Kinder konnten die Tränensäcke unter seinen Augen, die geplatzten Adern auf seiner Nase und seinen Wangen und den Speichel sehen, der an seiner Unterlippe hing. Seine Augen waren geweitet und wild. Ein Strom roter Pillen löste sich aus einer Tasche, ohne daß er es merkte, und wirbelte wie Blutstropfen in den Raum. »Ich werde dafür sorgen, daß ich euch nicht mehr im Weg bin. Eine Überdosis. Es wird nicht weh tun. Schmeißt meinen Körper aus der Luftschleuse, wenn ich tot bin.« Er begann zu weinen. »Kümmert euch um Kitten«, schluchzte er. »Ich weiß, daß sie mich liebt.«
    Seine Kinder warteten darauf, daß er noch mehr sagte, aber er hing nur weinend in der Luft. Seine massigen, runden Schultern bebten, während er sich langsam drehte. Seine Tränen schwebten wie Juwelen im Raum. Eine Träne trieb zur Kameralinse und blieb daran haften; sie brach die Bewegungen und die Farben, ein Fleck verlaufenden Wahnsinns. Ihr Vater holte tief Luft. »Es tut mir leid«, wiederholte er. Seine Stimme war ein heiseres Flüstern, und sie konnten an der verschmierten Stelle auf der Linse vorbei sehen, wie er die Hand zur Kamera ausstreckte, um sie abzuschalten.
    Der Bildschirm wurde dunkel. Ubu langte mit der oberen linken Hand nach den Bedienungstasten, dann hielt er inne und sah seine Schwester an. »Willst du’s noch mal sehen?« fragte er.
    Sie blickte ihn mit ihren großen, nachtschwarzen Augen an und streichelte Maxim, den weißen Kater auf ihrem Schoß, ohne ihn anzuschauen. Das Schnurren der Katze schien lauter zu sein als ihre Stimme. »Lösch es«, sagte sie.
    Ubu zögerte für einen Moment. Sein Finger hing über der Löschtaste. Er wünschte sich sehnlichst, die Botschaft würde etwas Erinnernswertes enthalten, Informationen, die ihnen von Nutzen waren, einen letzten Brocken Weisheit im Angesicht des Todes, der ihm helfen würde, seinen Vater einzuordnen und so zu einer Synthese zu finden, in der sein Leben, ihr Leben und sein Tod begriffen werden konnten.
    Da war nichts. Nichts als die letzte, traurige Auflösung eines Geistes, der keine andere Wahl mehr hatte und nicht mehr gesund war, der in eine Ecke gedrängt worden war, aus der er keinen Ausweg mehr sehen konnte.

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