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Ein Jahr in Lissabon

Ein Jahr in Lissabon

Titel: Ein Jahr in Lissabon
Autoren: Sylvia Roth
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ein Tag ist. Morgen ist der 1 . Oktober. Morgen kann es weitergehen. Mit meinem neuen Leben in Lissabon und der elften Lektion: „Hügel – oder Auf und Ab“.

Outubro
    A NGEBLICH, SO WILL ES EINER DER VIELEN E NTSTEHUNGSMYTHEN , die sich um Lissabon ranken, sei die Stadt von Odysseus gegründet worden – auch er ein Seefahrer, vielleicht der erste der Weltgeschichte. Ein Meeresungeheuer habe sich ihm beim Schippern durch den Atlantischen Ozean in den Weg geschlängelt und er habe es kurzerhand „erlegt“ – auf den zusammengekringelten Überresten des Ungetüms sei die Stadt „Ulissipo“ mitsamt ihrer sieben Hügel, mitsamt ihrer „bucklichten“ Geografie entstanden. Wer Lissabon erstmals bereist, den besticht vielleicht am meisten diese hügelige Beschaffenheit und das, was sie mit sich bringt: dass sich beim Flanieren durch die Stadt immer zugleich auch ein Ausblick auf sie eröffnet, dass sich die Perspektive immer wieder überraschend von Zoom auf Vogelperspektive schaltet und man unverhofft Lissabon als Ganzes sehen kann. Mal liegt es einem zu Füßen mit seinem orientalisch anmutenden Kaleidoskop aus schmalen, steilen Gässchen und Treppen, seinem verwinkelten Chaos aus weißen Wänden und orangefarbenen Steinen. Mal kann man es von unten, aus der klaren Struktur der Baixa heraus, dabei betrachten, wie es sich zärtlich an die Hügel schmiegt. Immer jedoch zeigt es sich dem Auge, offenbart sich, bietet sich dar in seiner hinreißend kruden Gemengelage.
    Schon bei meinem ersten Besuch vor drei Jahren hatten mich diese Anblicke fasziniert, und auch jetzt, im Alltag, bezaubern sie nicht minder. Nachdem nun aber zwei Wochen hinter mir liegen und meine Beinmuskulatur undich begriffen haben, dass wir dieses Mal nicht als flüchtige Touristen hier sind, beschleicht mich beim Gedanken an Odysseus immer öfter die Frage, warum er die größeren sterblichen Überreste des Ungeheuers nicht einfach mit nach Griechenland genommen hat, als er sich auf den Nachhauseweg machte. Ich wandere gern, doch lieber im Gebirge als in der Stadt, noch dazu einer solchen, in der der Untergrund aus rutschigen, holprigen Pflastersteinen besteht, an denen sich die Zehen durch die Sohlen hindurch festkrallen müssen, um nicht kurzerhand wieder bergab zu gleiten. Wie manche Portugiesinnen hier mit Stöckelschuhen reüssieren können, ist mir ein absolutes Rätsel. Lissabon, so meine Theorie, besitzt eigene physikalische Gesetzmäßigkeiten, denn die Schwerkraft funktioniert hier anders als im Rest der Welt. Magneten scheinen unter den Trottoirs verborgen, und selbst die Treppenstufen sind definitiv höher und anstrengender als anderswo. Vielleicht muss man hier geboren sein, um die Steigung bewältigen zu können, immerhin sehe ich auch Achtzigjährige, die wacker bergauf unterwegs sind. Wohingegen die drei Radler, die mir bisher begegnet sind, immer nur abwärts fahren, weshalb ich sie bald im Verdacht habe, für die umgekehrte Richtung sich selbst und das Fahrrad in den Bus zu packen. Doch es hilft nichts, die Hügel sind da, die Pflastersteine auch, physikalische Gesetze lassen sich nicht außer Kraft setzen, höchstens überlisten, und so beschließe ich, ab sofort meinen inneren Schweinehund zu überwinden und zwei Mal pro Woche schwimmen zu gehen, um meine Kondition den Gegebenheiten Lissabons anzupassen.
    Öffentliche Schwimmbäder sind rar in Lissabon, auf dem Stadtplan nicht eingezeichnet und auch in meinem Reiseführer nicht vermerkt. Es dauert eine Weile, bis ich mir von all meinen bisherigen Bekanntschaften ein ratloses Kopfschüttelnabgeholt habe und dann doch noch per Zufall ein „piscina“ in meiner Nähe ausfindig machen kann. Und es dauert eine noch viel längere Weile, bis die Dame am Schalter,die kein Englisch spricht, alle verfügbaren Mitarbeiter des Hauses herbeigetrommelt hat, um mich in die komplizierte Logistik eines Stundenplans einzuweihen, der darüber verfügt, wann das Schwimmbad wegen der Schulklassen und Seniorenkurse geschlossen und wann es frei zugänglich ist – und wie viele Bahnen dann jeweils benutzbar sind. Die Notwendigkeit dieses ausgeklügelten Systems erschließt sich mir, als ich die Größe des Schwimmbads realisiere: ganze drei Bahnen breit, 15 Meter lang und 1,20 Meter tief, eine Miniatur gewissermaßen, dafür mit wunderhübsch bemalten Kacheln und durch die Fensterfront hereinfallenden Sonnenstrahlen versehen. Für ein Volk, das dem Wasser historisch und geografisch so eng

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