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Ein Jahr in Lissabon

Ein Jahr in Lissabon

Titel: Ein Jahr in Lissabon
Autoren: Sylvia Roth
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fluffigen Weißbrote, die getoastet und dick mit köstlicher gesalzener Butter bestrichen werden –, und mir dabei genüsslich die fettgetränkten Finger ablecke, dann weiß jeder, aber auch wirklich jeder, dass ich eine Ausländerin bin. Denn als Portugiese nimmt man dieTorrada selbstverständlich mit Serviette in die Hand. Dafür sind die dünnen Papiertücher, die auf jedem Tisch in einer Metallbüchse bereitstehen, ja schließlich da.
    • Als Siebtes muss ich einsehen, dass der Gehweg nicht nur den Fußgängern gehört. Genauso wenig, wie er nur den parkenden Autos vorbehalten ist. Nein, auch Tretminen haben ein Recht auf ein Zuhause. Deshalb kann man in einer pittoresken Stadt wie Lissabon gerne den Blick auf die Häuserfassaden und die Aussicht richten – doch es empfiehlt sich, bei einem Gang durch die Straßen immer auch den Boden im Auge zu behalten, eben wegen der Hundehaufen. Alle paar Meter findet sich einer, je nachdem frisch deponiert oder bereits von einem tolpatschigen Fuß, der meist einem Touristen gehört, zu einem schönen abstrakten Gemälde verteilt. Wer will, kann im Zusammenhang mit dieser Lektion auch lernen, den Vierbeinern bei der Verrichtung ihrer Arbeit auf dem Trottoir ebenso versonnen und liebevoll zuzuschauen, wie das die Besitzer tun.
    • Als Achtes will ich einfach nicht akzeptieren, dass es hier nie eine Tüte zu viel gibt. „Não preciso do saco – Ich brauche keine Tüte“ ist einer der ersten Sätze, den ich absolut fehlerfrei aussprechen kann. Doch egal, wo ich einkaufe, und egal, ob ich sie will oder nicht – die Verpackung wird an jeder Kasse automatisch mitgeliefert. Garniert mit einem Lächeln der Kassiererin, die sich, schwankend zwischen Fassungslosigkeit und Mitleid, zu fragen scheint, warum ich meinen Feldzug gegen die Plastiktüten dieser Welt denn ausgerechnet auf portugiesischem Gebiet führen muss.
    • Das Neunte, was ich lerne, ist spucken. Wenn man an der Straßenbahnhaltestelle steht und wartet, kann man sich die Zeit damit vertreiben, einfach mal zwischendurch auf den Boden zu spucken. Ein Hobby, das sich auch im Gehenausüben lässt – vom Trottoir gezielt auf die Straße etwa. Doch diese Lektion, so fällt mir gerade auf, muss ich mir wieder abgewöhnen. Sie ist nämlich leider nur für Männer gedacht.
    Ich könnte stattdessen mit dem Rauchen anfangen, weil das hier alle, insbesondere die Frauen, tun. Aber das überlege ich mir noch.
    • Als Zehntes begreife ich, dass Anhalten manchmal besser ist als Laufenlassen. Öffentliche Toiletten in Lissabon sind eine Spezies für sich, denn entweder sind sie total verschmutzt oder aber mit einem Chlor-Reinigungsmittel so nachhaltig geputzt, dass man Gefahr läuft, die Nasenschleimhäute zu verlieren. Das Türschloss funktioniert nur selten, oft ist es gar nicht existent, sodass man ein bisschen akrobatisches Geschick unter Beweis stellen muss, um gleichzeitig sein Geschäft zu verrichten, sich vor unerwarteten Besuchern zu schützen und sich gegebenenfalls wegen des Chlorgeruchs die Nase zuzuhalten. Da die Abflussrohre alt und schnell überfordert sind, wird man außerdem in den meisten öffentlichen Toiletten, manchmal auch in Privatwohnungen, darum gebeten, das Papier nicht in die Kloschüssel, sondern in den bereitgestellten Korb zu werfen. Nicht selten hat der Korb einen Deckel und trägt so seinen bescheidenen Anteil dazu bei, die logistischen und gymnastischen Anforderungen der Unternehmung zu erhöhen. Es empfiehlt sich also, den Gang zur Toilette in Lissabon nicht leichtfertig, sondern mit einem gewissen Verantwortungsgefühl zu behandeln und zuvor eine kleine Meditation einzulegen, um sich mental zu sammeln.
    • An der elften Lektion scheitere ich. Vorerst zumindest. Sie ist aber von immenser Bedeutung für den Alltag in Lissabon, sodass ich sie nicht einfach links liegen lassen darf. Doch ich denke, dass ich in diesen ersten beiden Wochen,die wie im Flug vergangen sind, so viel Neues gelernt und so viele Seiten in meinem Vokabelheft gefüllt habe, dass ich kurz durchatmen kann. Ich kann es mir erlauben, mich in Zuversicht zu üben, denn ich habe nun zwar keine solide, aber eine anfängliche Basis für den Alltag in Lissabon. Ich kann endlich meine Koffer auspacken, kann mit Marta und Jorge eine Suppe zu Abend essen und den Kater Bob Marley alias Amália Rodrigues ausnahmsweise – aber nur dieses eine Mal – bei mir im Bett übernachten lassen. Ich kann mich darauf freuen, dass morgen auch noch

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