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Ein Jahr in Lissabon

Ein Jahr in Lissabon

Titel: Ein Jahr in Lissabon
Autoren: Sylvia Roth
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Setembro
    I CH HATTE VIEL S ORGFALT DARAUF VERWENDET , meine Koffer zu packen. Nicht nur mein grünes Sommerkleid und meine Sandalen waren ins Gepäck gekrochen, sondern auch ein paar warme Strickpullover und die Stiefel für den Winter. Ein Regenschirm gesellte sich zur Reiseversicherung, und mein Fotoalbum schlüpfte hinterher – unverhofft aufkeimendem Heimweh wollte ich mit durchblätterten Erinnerungen begegnen. Neben Fernando Pessoas „Buch der Unruhe“ begleitete mich ein Band über die großen portugiesischen Seefahrer, weil sich alles so aufregend anfühlte, als würde ich die nächsten zwölf Monate in ihrem abenteuerlichen Bugwasser schippern. Selbstverständlich reiste auch mein blau-weiß gestreifter Bikini mit, denn ich wusste: Das Meer ist nah. Und ganz zuletzt, ehe die Kofferschnallen zuschnappten, fügte ich den Straßenplan meiner neuen Stadt wie einen verheißungsvollen Kompass hinzu. Ja, in der Tat, ich hatte so vorausschauend gepackt, wie man es eben tun sollte, wenn man ein Jahr lang in die Fremde geht. Nur eines hatte ich vergessen: Ich hatte vergessen, Portugiesisch zu lernen.
    Vielleicht hatte ich es auch einfach beharrlich verdrängt, Ausreden gab es schließlich genug. Mal stand mir ein Mangel an Zeit im Weg, mal ein Mangel an Disziplin. Immer, wenn mich meine Kollegen vor der Abreise fragten, ob ich denn schon Portugiesisch sprechen könne, verneinte ich mit leichtfertiger Geste. Das würde ich mir dann vor Ort draufschaffen, entgegnete ich und schickte dem erschrockenen „Mutig!“ meines Gegenübers noch ein neckisches Aperçuhinterher: Es gebe doch nichts Schöneres, als aufzubrechen, ohne sich vorher auszukennen. Vasco da Gama habe vor seiner Abreise ja auch nicht gewusst, was „Entdeckung“ in Sanskrit heißt.
    Und nun, einen Tag nach meiner Ankunft in Lissabon, sitze ich mit ein paar italienischen Erasmus-Studenten in einem kleinen Zimmer einer Sprachschule nahe des Praça do Rossio und versuche, zu verstehen. „Percebes?“, fragt mich der Lehrer, und das Wort kommt in der Aussprache ganz und gar dreist daher, ohne Vokale, so, als hätte es polnische Vorfahren. „Prsbsch?“, wiederholt er, weil ich nicht reagiere. „Verstehst du?“ Nein, ich verstehe nicht. Denn das hat nichts, aber auch gar nichts mit dem zu tun, was da in meinem Buch steht. Da steht: p-e-r-c-e-b-e-r, Infinitiv für verstehen, wahrnehmen, erkennen. Und nicht prsbr. Ich schüttle den Kopf. „Estou confusa“, antworte ich, ich bin verwirrt. „Schtou“ korrigiert mich der Lehrer mit demonstrativ ausladender Bewegung der Kinnlade, „schtooouuuu“, „schtou cönfüsä“.
    So ist das also. Die Portugiesen betrachten die Sprache als Mahlzeit – und deshalb reden sie mit vollem Mund. Sie kauen beim Sprechen. Sie essen die Vokale und spucken sie als Konsonanten wieder aus. Sie mauscheln stattliche, stolze lange Worte zu einem verworrenen Knäuel zusammen, der phonetisch auf einen einzigen Laut hinausläuft: „schsch“. Und wenn sie sich doch entschließen, einen Vokal zu verwenden, dann nur mit zugehaltener Nase. Meu Deus, Verzeihung, meu Deusch, das kann ja heiter werden.
    Das Erste, was ich nach diesen vier Stunden Portugiesischunterricht mache, ist, zu flüchten. Ich stürze mich ins Gewirr schmaler und schmalster Gassen, streife ziellos nach rechts und nach links – und hadere: mit der Angst vor meiner eigenen Courage und den Fragen, die unerbittlich zubohren beginnen. Was hatte ich mir nur dabei gedacht, meine Stelle zu kündigen,meine Wohnung aufzulösen und meine Freunde zu verlassen, nur, um einem Bedürfnis nach „Auszeit“ nachzugeben, das mir jetzt mehr als zweifelhaft erscheint? Was war so verlockend daran gewesen, ein einjähriges Kulturstipendium in Lissabon gegen mein Leben in Deutschland einzutauschen? Und woher, um Gottes Willen, hatte ich die Chuzpe genommen, zu meinen, ich könne all dies ohne Portugiesischkenntnisse tun? Was – außer Chaos – erhoffte ich mir von diesem unbedachten Seitensprung? Ich laufe und hadere, hadere und laufe, vorbei an Menschen und Hunden, Schaufenstern und Parkbänken, Straßenbahnschienen und Bushaltestellen. Bis ich endlich stehen bleibe, weil mir ein Duft in die Nase steigt. Ein Duft, der mich daran erinnert, dass es ein geheimes Gesetz gibt, das überall auf der Welt funktioniert: Wenn man verloren ist, kann man sich wiederfinden. Dort, wo es warm ist und wo es nach Essen riecht. Nach frischem Gebäck etwa. In Lissabon – so viel hatte ich

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