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Die Uhr der Skythen (German Edition)

Die Uhr der Skythen (German Edition)

Titel: Die Uhr der Skythen (German Edition)
Autoren: Alfred Cordes
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Kapitel 1
     
    Wie eine Hand, die sich im Schutz der Dunkelheit mit ungewissen Absichten vorantastet, zieht eine Wolkenfront von Englands Süden über die Nordsee und das niederländische Friesland bis in die norddeutsche Tiefebene. Wie ein Menetekel schiebt sich ein Finger zwischen Wiehengebirge und Teutoburger Wald, von übellaunigen Winden getrieben, von einem angriffslustigen Regenband begleitet. Es wird Schnee geben, reichlich Schnee, aber zuerst wird es ein kaltherziger, schroffer Regen sein, und in just diesem Moment, das neue Jahr ist eben ein halbes Dutzend von Stunden alt, fällt der erste schwere Tropfen aus dem bleiernen Himmel über Osnabrück und direkt auf das rechte Auge des Fokko van Steen.
    Es ist wie ein Stich mit einem Messer, doch die Eiseskälte des Wassertropfens betäubt den Schmerz auf der Stelle und Fokko findet unverzüglich in den Traum zurück, in dem Eva sich eben mit einer Zärtlichkeit verabschiedet hat, die bittersüß jegliche Realität Lügen straft. Für einen Augenblick ist es, als wäre es ihm gelungen, der Zeit einen Streich zu spielen und sich in die Geschichte scheinbar endloser Berührungen zurückzuschleichen, er sieht sich an ihrer Seite liegen, sie zieht ihn verschlafen zu sich hin, da fällt ein zweiter Tropfen. In der Nähe wahrscheinlich auf einen hohlen Körper, Fokko erwacht zwar nicht wieder, das Geräusch aber macht sich im Traum bemerkbar. Es klopft jemand an die Tür, ungehalten auf jeden Fall, mehrfach, und die Angriffslust, die sich da draußen rasch in ein irrsinniges Stakkato zu steigern scheint, erzeugt ihm eine ganz andere Lust, er dreht sich auf die Seite, eine wässrige Spur läuft ihm aus dem Auge über die Wange und den Hals hinab, Eva scheint zu stöhnen, die Symphonie ihrer Lust verschärft sich unversehens zu einem gefährlichen Knurren, er öffnet die Augen, und ob er es im Traum oder in sonst einer Wirklichkeit tut, er spürt, er befindet sich in einem Raubtiermagen, im stinkenden Verdauungstrakt eines gigantischen Allesfressers.
    Das macht ihm Angst.
    Er öffnet das linke Auge. Über ihm ist ein schmaler Streifen Licht erkennbar, eher ein Stück nachlässiger Dunkelheit, er versucht, sich aufzurichten, aber der Dreck, auf dem er liegt, ist nachgiebig wie halbverdautes Zeugs, es ist gewiß kein Traum mehr, so intensiv stinkt es nicht einmal im Fieberwahn, aber das unbefriedigte Knurren ist noch zu hören, dazu ein rollendes Trommeln und Rascheln. Die Geschichte von Jonas im Walfischbauch wird dieses Mal ein anderes Ende nehmen, seine letzte Existenz wird nichts als eine Spur eiweißreicher Dreck im großen Ozean sein, der diffuse Schmerz und die Übelkeit sind die ersten Symptome, die man erfährt, wenn man verdaut wird.
    Nur der kümmerliche Streifen Licht macht ihm Hoffnung. Als er den Kopf ein wenig zur Seite nimmt, um dem nachzuforschen, trifft ihn ein Spritzer Magensäure. Erschrocken zuckt er zurück, tastet nach der Feuchtigkeit auf seiner Wange, in seinen Haaren, hat eine klebrige, ätzende Flüssigkeit erwartet, aber dies hier ist Wasser, ganz normales, göttliches Wasser, das offenbar durch den schmalen Streifen zu ihm hinabregnet, um ihm ein Stück seines Verstandes zurückzugeben.
    Mit einem Seufzer der Erkenntnis hält er die geöffneten Hände dem Himmelsgeschenk entgegen, als er jedoch versucht, auf die Knie zu kommen, um dem Manna näher zu sein und eine Haltung demütiger Dankbarkeit einzunehmen, gerät er ins Rutschen, mit ihm die Innereien des Fischbauches, und mit einem dumpfen, hohlen Ton schlägt sein Kopf gegen eine Wand, die offensichtlich aus Metall ist.
    Ein Rettungsboot, denkt er erleichtert, und obwohl er keine Vorstellung davon besitzt, in welch eine Seenot er geraten sein könnte, versucht er nun tapfer, sich aus ihr zu befreien. Drückt den Rücken gegen die metallene Wand, findet mit den Füßen unsicheren Halt im raschelnden, stinkenden Bodensatz des Fischmagens, hebt sich dem Lichtstreif entgegen, ertastet das Dollbord des Bootes, zieht sich hoch, streckt die Knie und bekommt endlich den Kopf, die Schultern, die Arme ins Freie. Wie ein Verschütteter, der sich nach Tagen aus den Trümmern seines Hauses befreit, reckt er sich dem Regen entgegen, trinkt den Himmel leer und blinzelt in das karge Licht, das dort oben schwebt wie ein kugelrundes Glas halbfetter Milch.
    Der Atlantische Ozean ist ein gepflasterter Hof. Und das Boot besitzt einen Deckel, der verhindern soll, daß es voll Wasser schlägt. Als Fokko versucht,

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