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Die Tote im Ritz - Ein Fall fuer Detective Joe Sandilands

Titel: Die Tote im Ritz - Ein Fall fuer Detective Joe Sandilands
Autoren: Barbara Cleverly
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1. KAPITEL
    London im April 1926
    »Heutzutage komme ich nur noch im Auto zum Nachdenken. Warum das so ist? Ganz einfach, was immer ich tue oder sage, ich kann dieser vermaledeiten Audrey einfach nicht entgehen!«
    Die Welle des Grolls machte sich in einem kurzen Tritt auf das Gaspedal Luft, und der rote Zweisitzer von Chrysler brauste stoßfrei über den Hog’s Back in Richtung London.
    »Vor acht Jahren war sie zwar naiv, leicht zu beeinflussen und einfallslos, aber wenigstens kooperativ. Und jetzt? Kriecherisch, gefallsüchtig, aber ohne die Macht, wirklich zu gefallen. Sie muss weg! Und dieses Mal gebe ich nicht nach, egal wie viele feuchte Taschentücher sie vor meinen Augen auswringt. Sie erstickt mich. Ich hätte sie dort lassen sollen, wo ich sie gefunden habe - als zweite Tanzmaus von rechts in Florodora .
    Es war eine gute Idee, mein Gepäck in den Kofferraum zu werfen und einfach loszufahren. Ich musste schlicht und ergreifend weg, weg nach London … weg von der gemütlichen Häuslichkeit auf dem Land, hin zur erlesenen Gastlichkeit, die einem das Ritz bietet. ›Ihre übliche Suite?‹ So gefällt mir das! Ich mag die vertraute Säuselstimme, so zuversichtlich und wissend, so beruhigend inmitten von Sturm und Stress. Aber jetzt - worauf kann ich mich jetzt noch freuen? Auf einen öden Abend. Die Fete zum Fünfzigsten von Cousin Alfred. Ein Raum voller Leute, die ich kaum kenne. Ein Raum voller langweiliger Nichten und Neffen. Aber - man weiß ja nie! Die Kleine, die sich vor kurzem mit diesem entsetzlichen Monty verlobt hat - die könnte ganz vielversprechend sein. Möglicherweise sogar ausgesprochen vielversprechend! Ich weiß noch alles von ihr, außer ihrem Namen. Jennifer? Jasmine? Ich bin sicher, der erste Buchstabe war ein J... Joanna! Genau! Schwarze Haare in modischem Bubikopf, schlanke Figur. Schräg liegende, grüne Augen. Womöglich unanständige und wissende grüne Augen? Ich bin sicher, sie hat mich mit einem Blick der Komplizenschaft bedacht, als wir uns trafen. Und jedes Mädchen, mit dem dieser undurchsichtige Salonlöwe Montagu Mathurin eine Beziehung unterhält, muss einfach eine gewisse Einführung in den Lauf der Welt erfahren haben. Eine Einführung, die vielleicht in einem der oberen Räume im Café Royal erfolgte. Was sieht sie nur in ihm? Sie ist viel zu gut für ihn - das muss ihr mittlerweile klar sein. Na, vielleicht wird es doch kein so übler Abend!«
     
    Das ansprechende Gesicht von Detective Sergeant William Armitage verzog sich kurz bei dem Versuch, ein Seufzen zu unterdrücken. Oder war es ein Gähnen? Überstunden waren immer öde, aber dieses Mal hatte er das Gefühl - und ihm behagte dieses Gefühl nicht -, dass er hier fehl am Platz war. Lieber hätte er auf der Hunderennbahn Dienst geschoben. Oder noch besser, er hätte sich den Tag frei nehmen und zum Pokalendspiel nach Wembley fahren können. Zwei Mannschaften aus dem Norden, aber dennoch sehenswert. Doch dieser Tage musste man mitnehmen, was man kriegen konnte. Ab nächster Woche fuhren sie die Überstunden herunter, und sein alter Herr litt doch am grauen Star und brauchte dringend eine Operation. Die war nicht umsonst. Sparmaßnahmen. Sie lebten in Zeiten von Sparmaßnahmen, hatte man ihnen gesagt.
    Die Polizei müsse, wie alle anderen auch, den Gürtel enger schnallen. Unnötige Ausgaben minimieren.
    »Ha, die sollen mal versuchen, diesem Haufen hier mit Sparmaßnahmen zu kommen.«
    Sein Blick glitt mit Missfallen, das fast schon Hass gleichkam, über die versammelten Geburtstagsgäste in dem privaten Speisesaal des Ritz. Das Ende der scheinbar endlosen Reden schien endlich gekommen. Der alte Kauz, zu dessen Ehren sie fünfzig Jahre parasitären Müßiggangs feierten, hatte es riskiert, sein sechzigstes Lebensjahr zu erreichen, bevor seine Freunde und Verwandten damit fertig waren, sich in die Schlange einzureihen, um ihre eigene Stimme zu hören, wie sie Familienwitze und peinliche Vorfälle aus dem überflüssigen Leben des Alfred Joliffe zum Besten gab. Aber nun war die letzte fröhliche Lüge erzählt und von dem empfänglichen Publikum begrüßt worden, und alle kippten Champagner. Dem folgten Sherry, Weißwein und Rotwein zum Essen. Augen funkelten, das Gelächter wurde lauter und schriller, das Verhalten übertriebener. Das machte seine Überwachung schwieriger. Es war ein Kinderspiel gewesen, als sie noch alle an den kleinen Tischen gesessen hatten, aber nun wanderten sie herum, gingen zur Garderobe,

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