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Die Porzellanmalerin

Titel: Die Porzellanmalerin
Autoren: Helena Marten
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PROLOG
    DRESDEN, 13. FEBRUAR 1753
     
     
    Carissima, endlich habe ich Dich gefunden! Fast hätte ich meine Suche nach Dir aufgegeben, so viele Steine wurden mir in all den Monaten in den Weg gelegt. Auch kannte ich Deinen neuen Namen nicht, ja wusste nicht einmal, dass Du so »bürgerlich« geworden bist, dass Du geheiratet, eine Familie gegründet hast …
    Ich kann nicht umhin, Dir von meiner Bestürzung zu berichten, mehr noch, von meinem Zorn, anfänglich zumindest, als ich erfuhr, Du seiest die Frau eines anderen geworden. So schnell hat sie mich vergessen!, war mein erster Gedanke, voller Wut und Eifersucht. Aber dann hat die Vernunft in mir gesiegt; natürlich, sagte ich mir, sie konnte ja nicht bis in alle Ewigkeiten auf mich warten, ohne auch nur ein einziges Lebenszeichen von mir erhalten zu haben. Du ahnst bestimmt, wer mir im Wege stand; ich werde Dir berichten, wenn wir uns wiedersehen.
    Aber werden wir uns wiedersehen? Mein Brief nun, da ich endlich frei bin, doch Du nicht mehr: Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich ihn Dir wirklich senden soll. Wahrscheinlich habe ich nicht das Recht, mich erneut in Dein Leben zu drängen, aber irgendein Gefühl sagt mir, dass ich es tun muss. Jetzt - nicht später. Ich habe oft genug versucht, unsere Begegnung aus meinem Gedächtnis zu löschen, nachdem ich von Deiner Heirat erfahren hatte. Es ist mir nicht gelungen, wie Du merkst. Deine Hingabe, Deine Leidenschaft, sie haben mein Innerstes berührt wie nie etwas zuvor.
    Ich habe Dir schon einmal gesagt, dass ich noch nie eine Frau
wie Dich kennengelernt habe.Wie machst Du es nur, so … mir fehlen die Worte … ja, vielleicht: so unverfälscht, so echt zu sein? Keine Koketterie, nichts Unwahrhaftiges scheint Dein Wesen zu trüben. Und ich spreche hier wohlweislich nur von Deinen inneren Werten, denn sobald ich anfange, mir Deine Schönheit vor Augen zu führen, Deine Sinnlichkeit, drängt alles in mir danach, Dich zu sehen, Dich zu berühren, Dich zu besitzen. Meine Hände wollen über Deinen Körper streichen, meine Lippen Deine Haut liebkosen, meine Lenden … Ach, Federica, ich schweige lieber, sonst heiße ich umgehend die Rösser anspannen und gen Frankfurt galoppieren, um mich mit Deinem Gatten zu duellieren. (Du liebst ihn doch nicht etwa, oder? Eine Frage, die sich mir aufdrängt, verzeih!)
    In wenigen Wochen ist meine Mission in Dresden erfüllt - es geht um Kunst, so viel kann ich Dir an dieser Stelle verraten, um große Kunst -, und dann werde ich meine Zelte hier abbrechen und in der Nähe von Fürstenberg (genauer gesagt: in Corvey) erneut aufschlagen. Du weißt sicher besser als ich, was diesen Ort seit einiger Zeit ausmacht. Man munkelt gar, auch dort stehe der Durchbruch bevor und es werde händeringend gutes Personal gesucht. Zugleich heißt es hier bei Hofe, die glorreichen Tage von Höchst seien gezählt. Meißener Wunschdenken vielleicht, aber in jedem Gerücht steckt doch ein Körnchen Wahrheit, wie wir wissen.
    Federica, Du ahnst, was ich Dir damit sagen will. Und mehr als das: In Fürstenberg würde Dich nicht nur eine neue berufliche Herausforderung erwarten, sondern ein Mann, der Dir mehr geben kann als jeder andere auf dieser Welt. Du magst mir meine Arroganz verzeihen, aber so gut kenne ich Dich, um zu wissen, dass ich für Dich der Einzige bin, der Richtige an Deiner Seite.
    So wie Du für mich. Beinah täglich wird mir schmerzvoll bewusst: Keine andere Frau wird mein kühles Herz je wieder zum Erweichen bringen. Du hast es geschafft, mich zu öffnen, Du allein.
     
    Federica, amore mio, glaube mir:Wir beide sind füreinander geschaffen. Worauf wartest Du noch?
     
    Ardentissimamente, Giovanni

1. KAPITEL
    MEISSEN, 1750
    E s war ein trüber Novembernachmittag. Wie ein grauer Gazevorhang verhängte der Nieselregen die Sicht nach draußen in den Garten. Hin und wieder drückte eine Windböe die kahlen Zweige der Birke vor dem Fenster gegen die Scheibe. Doch Friederike achtete nicht auf das leise kratzende Geräusch. Angestrengt blickte sie auf das bunte Bild mit dem Chinesen in ihrer linken Hand und dann auf die kleine Porzellanfigur auf dem Tisch. Sie tauchte den feinen Pinsel in die Farbpalette. Noch war die Porzellanfigur ganz weiß. Gleich würde das Chinesenkind rote Bäckchen bekommen. Es trug einen lustigen spitzen Hut, der schwarz werden sollte. Sein Anzug auf der Vorlage hatte ein kariertes Muster, und auf seinem linken Unterarm saß ein gelb-grüner Papagei mit gebogenem

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